Lepanto Verlag Katholischer Verlag für Theologie und Philosophie
Wenn das Wahre zur Ware wird. Ein Versuch zur Krise der Katholischen Kirche

Wenn das Wahre zur Ware wird. Ein Versuch zur Krise der Katholischen Kirche

LOGBUCH IV (14. Dezember 2019) Von Uwe C. Lay.

Daß die Katholische Kirche sich in einer ernsten Krise befindet, das ist unbestreitbar – worin aber genau diese Krise besteht, was die Gründe dafür sind, und wie eine Therapie auszusehen hätte, auch darüber herrscht erstaunlicherweise ein breiter Konsens im Krisendiskurs: Die Kirche müsse sich modernisieren, den Zölibat am besten ganz abschaffen, die Sexualmorallehre entstauben und das Frauenpriestertum einführen. Zwei Jahre lang soll diese Reformlitanei nun im „Synodalen Weg“ heruntergebetet werden – womit die -zigste Neuauflage der popularistischen „Wir sind Kirche“-Bewegung, nun aber aus bischöflichen Mündern, proklamiert wird.

Unverkennbar läßt sich dieses populäre Reformkonzept als das der Verprotestantisierung der Katholischen Kirche begreifen: Alles, was die Evangelischen schon praktizieren, das soll nun auch in der Katholischen Kirche eingeführt werden. Aber warum?

Stellen wir uns einen idealistisch gestimmten Buchhändler vor, der sein Buchgeschäft vor ein paar Jahren eröffnet hat und nun zu seiner Enttäuschung feststellen muß, daß sein niveauvolles Buchangebot keine Käufer findet, der Konkurrent nebenan aber gute Umsätze erzielt mit seiner leichten Unterhaltungslektüre. Er müßte sein Angebot den Käuferwünschen gemäß umgestalten, so schmerzlich ihm das auch fiele. Agieren so auch die Reformer des „Synodalen Weges“, wenn sie die Verprotestantisierung fordern?

Der Philosoph Peter Sloterdijk könnte hier weiterhelfen: „‘Religion der Liebe zum Leben‘ kann nur ein Reklamespruch sein.“ Und weiter (siehe Sloterdijk/Heinrichs: Die Sonne und der Tod. Dialogische Untersuchungen, Suhrkamp 2001, S. 33): „Sinnvoll wird eine solche Wendung vielleicht unter der Prämisse, daß Religionen wie Theorien und Kunstwerke im Lauf des 20. Jahrhunderts Handelsgüter und Dienstleistungen geworden sind und sich als solche auf allgemeine Marktbedingungen einlassen müssen. Man muß Theologien mit Verlagsprogrammen vergleichen.“

Könnte mit dieser These das Verprotestantisierungskonzept der Katholischen Kirche, dem jetzt im „Synodalen Weg“ gehuldigt wird, besser verstanden werden? Die Kirche nähme so ihren Abschied von der Vorstellung, daß der Diskurs darüber, was theologisch wahr ist, den Kurs der Kirche zu bestimmen habe – zugunsten einer marktwirtschaftlichen Orientierung: Was kommt bei unseren „Kunden“ an, wie erhalten wir uns unsere „Stammkunden“ und wie können wir „Neukunden“ dazugewinnen? Die Kirche müsse also nachfrageorientiert ihre Produkte und ihre Organisation umgestalten, weg von der dogmatischen hin zu einer Orientierung an den Konsumwünschen ihrer Kunden. Wahr ist dann das, was beim Kunden ankommt. In der Kirchensprache heißt das dann, daß sie sich an den Menschen auszurichten habe, daß sie primär eine pastoral-seelsorgerliche Kirche zu sein habe. Dafür stünde dann Papst Franziskus, dem der theologisch-dogmatische Papst Benedikt als Negativfolie entgegengesetzt wird.

Nur … warum orientiert sich dann das innerkatholische linksliberale Milieu am Protestantismus? Das wäre doch so, als plädierte ein Fußballtrainer im Abstiegskampf dafür, sich ausgerechnet am Tabellenletzten zu orientieren, um erfolgreicher zu werden! Eine marktwirtschaftliche Neuorientierung sähe doch ganz anders aus.

Als Alternativmodell zur Erklärung der Vorliebe für ein Konzept der Verprotestantisierung könnte nun der Begriff der Modernisierung dienlich sein. Es müßten also das Produkt der Kirche und sie selbst den Bedingungen der Moderne angepaßt werden. Warum soll nun die Moderne für die Kirche etwas Normatives sein? Darauf gibt es eine einfache Antwort, nämlich die geschichtsphilosophische Vorstellung, derzufolge die Menschheitsgeschichte eine große Entwicklungsgeschichte sei von dunkler Unwissenheit und Barbarei hin zu immer mehr Vernunft und Wahrheit. Die Katholische Kirche sei dann in ihrer Entwicklung im Mittelalter stehen geblieben, bekämpfe den Fortschritt gar aktiv im Sinne eines Antimodernismus, während die evangelische Kirche, auch den teilweise recht mittelalterlichen Luther hinter sich lassend, zur modernen Kirche geworden sei. Die Verprotestantisierung wäre so das Konzept, das Mittelalterliche in der Kirche zu überwinden, um zeitgemäß modern zu sein. Reform heißt dann nicht mehr die Zurückführung des Außerformgeratenen zum Ursprünglichen, sondern das Mitmarschieren mit dem Menschheitsfortschritt.

Nur, es muß nun konstatiert werden, daß dies nur eine Variante der marktwirtschaftlichen Orientierung der Kirche ist – mit der Differenz, daß einmal empirisch untersucht werden soll, was denn die  Kunden wünschen, das andere Mal aber geschichtsphilosophisch konstruiert wird, was der heutige Kunde, weil er modern ist, wünscht. Eine Christentumsauffassung also, die sich an Kants Konzept der Religion in den Grenzen der bloßen Vernunft orientiert, demzufolge die christliche Religion ein religiös motivierter praktischer Humanismus zu sein habe, wenn sie eine modern-vernünftige Religion sein wolle.

Eine mögliche konservative Kritik dieses Verprotestantisierungskonzeptes könnte nun darin bestehen, zu sagen: Wenn die Katholische Kirche nur katholisch bliebe oder wieder werden würde, dann käme sie wieder bei ihren „Kunden“ an! Diese Kritik wäre aber auch ein marktwirtschaftliches Konzept, das nur behauptet, so besser seine Kundschaft zu finden.

Nur eine Frage wird bei all diesen Varianten nicht gestellt: Darf die Wahrheit definiert werden als das, was bei vielen ankommt, so daß unwahr ist, was der Mehrheit nicht gefällt? Die Forderung nach der Demokratisierung der Kirche, ein Zentralanliegen des „Synodalen Weges“, will auf diese Weise Wahrheit demokratisch definieren. Ist aber Jesus Christus demokratisch gesonnen? Sagt er: Ich bin das, wofür mich die Mehrheit hält, wofür mich die meisten halten wollen und wie ich ihnen gefalle?

Zum Autor: Uwe C. Lay ist diplomierter Theologe. Studium der evangelischen Theologie in Göttingen, nach Konversion zur Römisch-Katholischen Kirche Studium der Katholischen Theologie in Eichstätt. Zahlreiche Beiträge in Theologisches. Bei Patrimonium erschien Der zensierte Gott. Wie uns Gott in den Zeiten der Verdunkelung der Wahrheit abhanden kam (2016).

1 Comment

  1. Es ist genau richtig, dass die wahren Gläubigen im Feuer des Zeitgeistes geprüft werden. In Deutschand ist eine neue Form des Ablasses in Form einer Klimareligion am Werk oder ein unverantwortlicher Multikulturalismus, der Schuld abtragen soll. Diese Werke machen aber nicht gerecht, sondern führen in die Bitterkeit.

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.