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Weltklugheit – Eine kleine Erinnerung an die europäische Tradition der Moralistik

Weltklugheit – Eine kleine Erinnerung an die europäische Tradition der Moralistik

LOGBUCH X (14. Juni 2020) Von Till Kinzel.

Es ist ein Signum unserer Zeit, daß der Moralismus und mannigfache Moralisierungen zunehmend das Feld beherrschen – und zwar sehr zum Nachteil der Moral und einer sachgerechten Moralphilosophie. Und auch zum Nachteil derjenigen, die zwar an moralischen Maßstäben festhalten, wie sie in der Tradition des Naturrechts formuliert wurden, sich aber gerade gegen den Mißbrauch der Moral als Erpressungsinstrument verwehren. Wird nämlich „Moral“ als Mittel der Manipulation eingesetzt, verliert sie an Klarheit, weil sich außermoralische Zwecke, z. B. politische, hineinmischen. Solche Erpressung mit den Mitteln moralisierender Sprache dient aber dazu, bestehende innere Widerstände zu schwächen. Widerstände, die sich z. B. gegen die kulturelle Selbstaufgabe, gegen die Zerstörung traditioneller Vorstellungen von Menschenwürde oder gegen die „große Transformation“ richten, an deren Ende – das Ende der abendländischen Freiheit stünde.

Gegen den wirkungsmächtigen Moralisierungsdrang unserer Zeit, der auf allen Ebenen das Prinzip der Sachlichkeit und der Versachlichung verdrängt, gibt es für den Einzelnen aber Wege der Selbsterhaltung und Selbstbehauptung, die aus der reichhaltigen Tradition der europäischen Moralistik entnommen werden können. Angeregt dazu wird man durch ein neues Buch von Robert Zimmer mit dem Titel Weltklugheit. Die Tradition der europäischen Moralistik (Basel 2020), das die wichtigsten europäischen Vertreter der Moralistik Revue passieren läßt und ihren gleichsam „lebensphilosophischen“ Rang herausstellt. Diese Tradition ist verbunden mit großen Namen wie Montaigne, Gracián, Pascal, Rivarol, Joubert, Schopenhauer, Alain – bis hin zu dem größten nicht-europäischen Alteuropäer, dem Kolumbianer Nicolás Gómez Dávila.

Moralistik statt Moralismus und Moralisierung – so könnte ein Motto für uns und unsere Zeit lauten. Denn Moralismus und Moralisierung, so darf man in Aufnahme eines Wortes von Arnold Gehlen sagen, bestehen darin, Ansprüche an Andere zu stellen. Die Moralistik dagegen konzentriert sich auf die Ansprüche an sich selbst – und sie gibt Verhaltenslehren für Krisenzeiten, in denen das Individuum besonders bedroht ist. Kluge Lebenspraxis, um die es der Moralistik geht, ist keine umfassende Philosophie, die bis zu den letzten Gründen von Metaphysik oder Ontologie vordringt. Aber sie liegt auch nicht jenseits der Philosophie. Moralistik kann sich mit höchst unterschiedlichen Weltanschauungen verbinden, religiösen wie säkularen. Davon zeugt die Rezeption etwa von Graciáns Handorakel und Kunst der Weltklugheit bei so unterschiedlichen Personen wie Schopenhauer und Brecht. Aber auch bei dem Theologen Gracián konzentriert sich die moralistische Weltklugheit auf das Navigieren der immanenten Welt und ihrer zeitbedingten Herausforderungen, auch wenn im Hintergrund der Schöpfergott präsent bleibt und die Theologie selbstverständlich die höchste Wissenschaft.

Doch auch wenn solche Verhaltenslehren das Gepräge ihrer Entstehungszeit tragen, beweist die Popularität von Graciáns Handorakel und Kunst der Weltklugheit vor allem in der deutschen Übersetzung durch Schopenhauer (siehe die schöne Neuausgabe im Kröner Verlag, die von Sebastian Neumeister herausgegeben wurde), daß sie über bloß Zeitgebundenes hinausgehen.

Es gehört zur Moralistik, mit skeptischen Augen auf die Anderen zu blicken, insofern diese ein Interesse an der Manipulation unserer moralischen Empfindungen haben oder haben könnten. Hier liegt ohne Frage auch das Potential der Moralistik zum Zynismus, positiv gewendet aber zu einer realistischen Sicht auf die Mitmenschen und ihre Handlungsmotive. Moralistik bedeutet durchaus eine Entlastung von überzogenen Moralerwartungen an die Anderen; sie weiß um die Täuschungsanfälligkeit des Menschen und um seine Schwäche, denen auch der Moralistiker selbst nicht entgehen kann. Pascal erkannte deshalb im Menschen das schwächste Schilfrohr der Natur, das oft hilflos hin- und herschwankt, sich hierhin und dorthin treiben läßt. Bei Pascal bricht die Moralistik nicht die Brücken zum Christentum ab, doch seine Haltung wird von den späteren Moralisten Frankreichs nicht übernommen. Aber es bleibt im Hintergrund auch da eine Kritik bestehen, die in „Spiel, Luxus, Zerstreuung, Wein, Frauen, Unwissenheit, üble Nachrede, Neid“ letztlich ein „Vergessen seiner selbst und Gottes“ erkennt. Auch in der Zeit der Aufklärung bewahrt die Moralistik ihre Sonderstellung im Feld von Philosophie und Lebensklugheit, denn, so Robert Zimmer: „Die Moralistik glaubt nicht an die Perfektibilität, die Vervollkommnungsfähigkeit und Vernunftbestimmtheit des Menschen.“ Mag der Mensch auch das mit Vernunft begabte Wesen sein, so ist doch jederzeit damit zu rechnen, daß diese Vernunftbegabung nicht überall und schon gar nicht allseitig entfaltet und kultiviert wurde.

Es sind deshalb skeptische Moralisten wie Rivarol, die sich darüber Gedanken machen, wie brüchig im Letzten die Errungenschaften der Zivilisation sein können – vor allem in revolutionären Zeiten, in denen große Transformationen vorangetrieben werden, die keinen Stein auf dem anderen zu lassen drohen: „Die zivilisiertesten Völker sind nicht weiter von der Barbarei entfernt als das glänzendste Eisen vom Rost. Die Völker und die Metalle sind nur an der Oberfläche poliert.“

Moralistik bemüht sich in aphoristischer Zuspitzung um Einsichten, die das Leben gelingen lassen – und zwar unter Berücksichtigung der Weisheit, die in den überlieferten Gemeinplätzen liegt. Denn gerade in diesen Gemeinplätzen liegt ein Schatz, der den Versuchen entgegensteht, alles von Grund auf neu machen zu wollen. Wer diesen Schatz unserer Überlieferung nicht darangeben möchte, weil völlig neue Umstände angeblich eine völlig neue Moral brauchen, muß immer wieder den „Mut zur Banalität“ aufbringen, den kein Geringerer als Josef Pieper in der Auseinandersetzung mit Carl Schmitt ins Spiel brachte.

Auch die Moralistik, die sich einer Ersten Philosophie im Sinne der Metaphysik enthält, nimmt die Impulse der Ethik des Aristoteles auf, wenn es ihr wie bei Schopenhauer um die „beste Anweisung zum glücklichen Leben“ geht. Ein glückliches Leben, auch wenn es im Letzten unverfügbar bleiben muß, kann aber nur auf der Voraussetzung gelingen, daß die Welt, in der wir unser Leben führen, im Prinzip bejaht werden kann. Das aber ist z. B. bei einem exzentrischen Erben der Moralistik, dem rumänisch-französischen Schriftsteller E. M. Cioran, nicht mehr möglich: Für ihn kann es, wie Zimmer betont, keine Weltklugheit mehr geben, „weil er die Welt radikal entwertet hat“. Desillusionierung betreibt, wenn auch mit gänzlich verschiedener Stoßrichtung, ein anderer später Erbe der Moralistik, der Kolumbianer Nicolás Gómez Dávila. Aber bei ihm bleibt die Transzendenz als Hintergrund und Bezugspunkt höchst präsent; die Vorstellung vom Tode Gottes wird hier als „interessante Meinung“ zurückgewiesen, die Gott selbst nicht interessiere. Eine bloß säkulare Klugheitslehre gebe es bei Gómez Dávila nicht, so wiederum Zimmer. Aber ohne Klugheit geht es nicht, wenn man als Einzelner auch in widrigen Zeiten seinen eigenen Kopf bewahren möchte, wie es Gómez Dávila vorschwebte: „Klarsichtig ein schlichtes, verschwiegenes, diskretes Leben führen, zwischen klugen Büchern, einigen wenigen Geschöpfen in Liebe zugetan.“

Es ist schließlich eine hübsche Pointe von Zimmers konzisem Buch, daß er sogar Parallelen zwischen dem elitären Bildungsgestus bei Gómez Dávila einerseits und Adorno andererseits ausmacht – und daß er die Spuren einer transzendenten Erlösungsperspektive bei Adorno aufdeckt. Auch die Moralistik, an der Adorno mit seinen Minima moralia teilhat, entgeht, wie es scheint, nicht der Theologie, sondern kehrt, wenn auch manchmal auf wunderlichen Wegen, zu ihr zurück.

 

 

Dr. Till Kinzel, habilitierter Literatur- und Kulturwissenschaftler, Übersetzer, zahlreiche Publikationen zu literatur- und kulturwissenschaftlichen Themen als Autor und Herausgeber, Bücher u. a. zu Nicolás Gómez Dávila, Michael Oakeshott sowie zur Dialogliteratur und zur Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts, zuletzt: Johann Georg Hamann. Zu Werk und Leben (Karolinger 2019).

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