Lepanto Verlag Katholischer Verlag für Theologie und Philosophie
Untergänge des Abendlandes (1):  Eine Welt, in der Gott tot ist – Die Welt in der Corona-Epidemie

Untergänge des Abendlandes (1): Eine Welt, in der Gott tot ist – Die Welt in der Corona-Epidemie

LOGBUCH VII (24. März 2020) Von Uwe C. Lay.

Der gesellschaftliche Umgang mit der Corona-Epidemie offenbart uns auch dies, daß wir in einer Welt ohne Gott leben. Das meint, daß, unabhängig von der Privatfrömmigkeit, Gott im öffentlichen Diskurs gar nicht mehr präsent ist. Es ist keine Banalität, daß das „In-der-Welt-Sein“ unser Leben bestimmt. Wir leben nämlich immer schon in einer, in bestimmter Weise ausgelegten und gedeuteten Welt.

Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek nimmt Bezug auf Ernst Cassirer, wenn er schreibt (siehe Die Tücke des Subjekts, S. 41): „Durch ihre symbolischen Handlungen konstruiert die Menschheit nach und nach das Universum der Werte und Bedeutungen, das nicht auf den Bereich der Fakten und ihrer Bezüglichkeiten reduziert (oder durch eine Referenz auf solche erklärt) werden kann.“ Kritisch wird dann hinzugefügt: „Dieses Universum der Werte und Bedeutungen, das durch die menschliche symbolische Aktivität hervorgebracht wird, ist die moderne Version von Platons Reich der ewigen Ideen.“

 
Was ist damit nun gewonnen? Zunächst die Einsicht, daß der Mensch

a) in einer symbolischen Welt lebt und nicht nur in der Welt der Tatsachen.

(Ob es wirklich eine reine Tatsachenwelt gibt, die der Mensch realistisch wahrnimmt, das kann wohl bezweifelt werden, denn das, was als Tatsache im Gegensatz zu einer weltanschaulichen Auslegung der Welt bestimmt ist, ist doch selbst wiederum ein Produkt der symbolischen Weltauslegung. Wenn der Staat Juda seine Vernichtung 586 v. Chr. als eine militärische Niederlage gedeutet hätte, statt als ein Strafgericht Gottes über diesen Staat, dann wäre das nur die Ersetzung einer Deutung durch eine andere gewesen. Das gilt auch für die Sintflut: Sie kann religiös oder naturwissenschaftlich gedeutet werden, aber das heißt nun doch nicht, daß im einen Fall faktenlos „symbolisch“ gedeutet werden kann und man im anderen Fall nur den Fakten gerecht wird.)

und daß

b) diese symbolische Welt, in der wir leben, einem Wandel unterworfen ist. Aus der platonisch gedeuteten Welt wird in der Moderne eine Welt, die die Weltausdeutung als kreative Leistung des Menschen versteht, der so der Welt der Fakten erst eine Bedeutung zukommen läßt, die sie objektiv gar nicht hat. Der Mensch produziert eine sinnvolle Welt, die ihm dann als Kulturwelt auch als etwas ihm Objektives gegenübertritt.

Der gesellschaftlich-öffentliche Diskurs in Bezug auf die Corona-Epidemie zeigt so, in welcher Welt wir leben, auf welche Art die Welt, in der wir leben, gedeutet wird – und auf welche Art sie somit nicht gedeutet wird. Für jede religiös fundierte Kultur wäre es eine Selbstverständlichkeit, zwischen der Panepidemie und Gott einen Zusammenhang zu sehen. Die Ausdeutung des Zusammenhangs wäre die Aufgabe der Priester. Sie hätten dann auch gewußt, was nun zu tun ist, ob ihres priesterlichen Wissens. Das schließt nicht aus, daß andere Subsysteme der Gesellschaft ergänzende Maßnahmen vorschlagen – so war es für die Frömmigkeit Israels kein Widerspruch, einerseits auf Gott zu vertrauen, man brachte ihm auch dafür Opfer, und gleichzeitig militärisch gerüstet gegen den Feind in einen Krieg zu ziehen. Denn man wußte, daß das Volk ohne göttlichen Beistand keinen Krieg gewinnen kann. In einer religiös fundierten Gesellschaft wäre also an die Priesterschaft appelliert worden, nun das ihrige zu tun, damit die Seuche abgewehrt wird.

In unserer Zeit wird dagegen jede gottesdienstliche Aktivität nur noch als ein Risikofaktor wahrgenommen: Alle Gottesdienste seien zu unterlassen. Und die Kirche gehorcht! Ja, man könnte sich das nun so imaginieren, daß nämlich einer gottlos gewordenen Welt die gottgläubige Kirche als organisierte Religion gegenüber stünde und daß es daher Kommunikationsprobleme zwischen der Welt und der Kirche geben müsse. Aber nein, davon kann keine Rede sein, derlei Kommunikationsprobleme gibt es in der aktuellen Krise nicht! Denn die Kirche spricht jetzt so verweltlicht, daß sie nichts anderes mehr sagt und unternimmt, was nicht auch jeder rein weltliche Verein in dieser Lage auch unternimmt – das Vereinsleben so weit wie möglich herunterzufahren.

Der Schweizer Weihbischof Marian Eleganti hatte sich zuletzt mehrfach zur Corona-Krise zu Wort gemeldet. In einem Video-Beitrag des österreichischen Portals kath.net nannte er die Pandemie eine „Strafe Gottes“. Gebet, Buße und Umkehr sowie Gottvertrauen wirkten sich auf die Befindlichkeit von Nationen und wie auch von einzelnen Menschen aus. „Es gibt da ganz klar einen Zusammenhang, den wir nicht übersehen dürfen“, so der Weihbischof (vgl. katholisch.de, 18.3.2020). Nun geschah aber folgendes – die für ihn zuständige Kirchenleitung ergriff Sofortmaßnahmen: Dem Weihbischof wurde untersagt, sich weiter in den Medien zu dieser Causa äußern, sofern er sich nicht vorher eine Erlaubnis dafür eingeholt hat! Diese Praxis ist die der Vorzensur!

Aber was wird hier nun zensiert? Daß es einen Zusammenhang zwischen dieser Epidemie und Gott geben könnte. In der Kirche darf kein Ereignis in der Welt mehr als „Strafe Gottes“ beurteilt werden. Auch die Kirche hat sich so der heutigen Weise der Weltauslegung zu unterwerfen, sie so zu praktizieren. Eines der Dogmen der modernen Weltauslegung ist die Ansicht, daß alles in der Welt sich Ereignende rein weltimmanent zu erklären sei, daß also Gott niemals als ein Subjekt in einer Deutung eines Ereignisses auftreten darf, er darf nur als geglaubter Gott im Sinne eines Motivators zu bestimmten Handlungen auftreten. Damit ist de facto die Irrelevanz Gottes für das Leben behauptet, er kann nur noch als geglaubter Gott Menschen zu positivem Handeln motivieren. Damit ist der Kern der modernen, säkularisierten Gesellschaft erfaßt. Nur noch in der Privatfrömmigkeit kann dann an ein Wirken Gottes in der Welt zugunsten von Menschen geglaubt werden.

Die Welt ohne Gott, das ist nun nicht eine reine Faktenwelt, zu der der Aufgeklärte vorgestoßen ist, nachdem er sich aus der symbolischen Welt emanzipiert hat. Nein, die Welt des homo faber (wie wir ihn am ehesten von Max Frisch her kennen) ist selbst nur eine anders ausgelegte Welt – eine Weltdeutung ersetzt eine andere, aber nie lebt eine bestimmte Gesellschaft ohne eine bestimmte Deutung. So spricht Žižek sehr treffend von „unserem Zeitalter des globalen Kapitalismus und seines ideologischen Supplements, des liberal-demokratischen Multikulturalismus“. (s.o., S. 11).

Es darf aber nicht übersehen werden, daß diese symbolische Auslegung der Welt, gerade die liberal-demokratische selbst, in dieser aktuellen Epidemie in eine Krise geraten ist. Denn ganz im Widerspruch zu dieser Weltauslegung setzen jetzt alle Staaten, und eben nicht nur die autoritäre Regierung Chinas, auf illiberale Konzepte weitestgehender Einschränkung der Bürgerrechte, um das Volk vor der Seuche zu schützen. Auch die dem homo faber eigene Gläubigkeit, daß alle Weltprobleme technisch zu lösen sind, gerät ins Wanken. Ob diese Weltanschauung diese Krise unbeschadet überstehen wird, ist noch nicht ausgemacht. Aber eines ist unverkennbar gerade an dem Engagement der Kirche in dieser Krise: Sie selbst ist schon in einem Maße säkularisiert, so daß ihr ein spezifisch religiöses Reagieren als inakzeptabel gilt. Im öffentlichen Diskurs gibt es Gott nicht mehr und kann es Gott nicht mehr geben. An diese Spielregel des jetzigen Diskurses hält sich auch der Diskursteilnehmer Kirche, weil auch er mitdiskutieren darf.

Es muß aber auch betont werden, daß Anhänger einer religiös fundierten Kultur – es sei an Dostojewskijs Diktum „Wenn es Gott nicht mehr gibt, ist alles erlaubt!“ erinnert – sich geirrt haben in ihrer Prognose, daß eine nichtreligiöse Kultur notwendigerweise eine nihilistische sein müsse. Hier siegte Nietzsche, der zwar den Nihilismus kommen sah, aber auf die Kreativität vertraute, mit der eine neue Weltanschauung möglich sein kann, wenn sie vielleicht auch nur dem zukünftigen Übermenschen möglich sei. Die neue Weltanschauung ist nun da und sie hat die Epoche des Christentums als der öffentlichen Religion der konstantinischen Zeit (von Kaiser Konstantin bis zum Ende des Ersten Weltkriegs) abgelöst – sie ist als Sieger hervorgegangen aus der Zeit der ideologischen Weltanschauungskämpfe, jenen Kämpfen zwischen dem Liberalismus auf der einen Seite und seinen Gegnern Sozialismus/Kommunismus und Faschismus /Nationalsozialismus auf der anderen Seite (vgl. Alexander Dugin: Die vierte politische Theorie). Aber noch einmal: Ob gerade diese siegreiche liberale Weltanschauung einer Welt ohne Gott diese Krise unbeschadet überstehen wird, ist noch nicht ausgemacht.

3 Comments

  1. Die Ausführungen drücken sich an der Antwort vorbei, inwiefern denn nun Corona eine „Strafe Gottes“ sein soll. Zu behaupten, der Einzelne, der an Corona erkrankt oder gar stribt, werde von Gott gestraft, ist das Herstellen eines Kausalzusammenhangs, der schon von der Bibel – Buch Hiob! – für unzulässig erklärt wird.

    • @K. Krieger
      Sie haben recht, dass zumindest Teil 1 des Beitrags sich um die explizite Beantwortung der genannten Frage „drückt“. Aber erstens gibt es ja wohl noch einen weiteren Teil und zweitens wird die Frage nach der GOttesstrafe ja schon in der Bibel beantwortet. Sie wollen die Strafe nur individuell sehen, wie es dem „modernen“ Menschen entspricht. Ich darf aber, wenn Sie schon auf Hiob rekurrieren, daran erinnern, dass GOtt dem Satan bezüglich Hiob freie Hand gab, um zu klären, ob Hiob nur dann, wenn es ihm gut geht, an ihn, GOtt, glaubt und seine Worte hört, oder eben auch dann, wenn es ihm schlecht geht. Selbstverständlich wird da ein Kausalzusammenhang mit GOtt hergestellt. Was nun die Gesellschaft angeht, ist der Zusammenhang noch offenkundiger: Die Prophetenbücher zeigen doch die Verzweiflung, mit der Männer und Frauen versucht haben, eine GOtt-vergessene Gesellschaft wieder zu GOtt zu führen, um die Strafe abzuwenden. Dieser fallen eben auch so genannte Gerechte zum Opfer. Die Geschichte Noahs oder Lots zeigt, dass wahre Gerechte manchmal der Strafe entkommen. Und vielleicht waren die „Gerechten“, über die das Strafgericht auch erging, doch nicht ganz so gerecht wie sie selbst von sich dachten, denn sie haben letztlich diese GOtt-lose Gesellschaft mitgetragen.

  2. Erwartet Uwe C. Lay etwa, dass die allgemein verbindlichen staatlichen Maßnahmen für die Kirche aufgehoben werden und die Folgen daraus die Gesellschaft insgesamt zu tragen hätte, erwartend, dass die Viren sich gegenüber Gläubigen anders verhalten, sich also in den Kirchen nicht verbreiten würden? Und dass einem Bischof nicht berechtigt das Wort entzogen wird, wenn er von einer „Strafe Gottes“ in diesem Zusammenhang spricht?

    Hier geht es aber nicht um unterschiedliche Weltanschauungen, oder bloße Symbolik, sondern um vernünftige Maßnahmen gegenüber einer gefährlichen Infektionskrankheit, die vor allem die Älteren unter uns gefährdet, zumal die mit Vorerkrankungen. Dieses vorhandene Wissen, das mühsam über Jahrhunderte gegenüber dem ständigen Widerstand der Kirchen erkämpft werden musste, die in vielem (wie offensichtlich auch heute noch!), darin das Wirken des Teufels sahen.

    Die Bibel gibt manchen Gläubigen offensichtlich „Antworten“, also Antworten auf Fragen, die damals noch gar nicht so gestellt werden konnten! Das ist auch eines der Phänomene von Gläubigen, deren Überzeugung in dem Maße steigt, je größer der Abstand zur weltlichen Vernunft steht. Spätestens aber seit Konstantin ist der christliche Glaube zur weltlichen Ideologie geworden und bereits durch Paulus der Mensch Jesus zum Christus gewandelt worden. Und wie das mit Ideologien so ist, werden sie keinen Bestand haben!

    Aber in jeder Krise liegen auch Chancen. Wenn diese klug genutzt werden, muss vieles geändert werden, was bisher falsch/schlecht gelaufen ist, beginnend mit dem Gesundheitssystem.

Schreibe einen Kommentar zu K. Krieger Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.