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Ungeordnete Notizen zur Literatur (2)

Ungeordnete Notizen zur Literatur (2)

Logbuch XIV (25. September 2020). Von Michael Rieger

 

Und wieder Becher (siehe den Logbuch-Eintrag vom 28. Mai 2020) – doch heute einmal dichtungstheoretisch, weil politikgeschichtlich.

Präziser und über Becher hinaus: Warum schreibt der kommunistische Dichter Johannes R. Becher in seinem Moskauer Exil am laufenden Band Sonette, ganz so, wie auch sein christlich-konservativer Kollege Reinhold Schneider daheim im nationalsozialistischen Deutschland, in der inneren Emigration? Schneider schreibt im Widerstand und als Widerstand. Und so auch Becher – auch wenn zwischen den beiden Herren, es sei eingangs ausdrücklich gesagt, ein beträchtlicher Abstand besteht, was ihre moralische Integrität anbelangt: Schneiders kompromisslose Haltung gegen den Nationalsozialismus hebt sich doch deutlich ab gegenüber Bechers perennierender, ja strangulierender Verstrickung in den Stalinismus.

Sehen wir uns das alles etwas näher an.

Die Assoziationskette ist relativ einfach: Sonett – Barock. Was bis vor geraumer Zeit zumindest noch jedem Schulkind in Deutschland vermittelt wurde, war zwar nie so einfach, denn natürlich haben sich moderne deutsche Autoren, wenn sie Sonette verfassten, nicht ausschließlich der Tradition des Barock angeschlossen – sie haben gewiss auch auf ältere südeuropäische Vorbilder Bezug genommen, Petrarca etwa. Und doch – wer vor dem Hintergrund des Ersten und dann des Zweiten Weltkriegs in Deutschland Sonette schrieb, rekurrierte auf die Tradition des Barock, denn sie war im Dreißigjährigen Krieg entstanden oder besser: aus dem Krieg heraus. Die formale Anknüpfung ist somit automatisch aufgeladen mit der Analogie der Bilder des Krieges, der Verstörung, Verzweiflung und des Leidens. So liegt diese Bezugnahme zwischen 1933 und 1945 zweifellos nahe. Der polnische Literaturhistoriker Marian Szyrocki schreibt: „Das Lied von dem tiefen Leid, von dem Grauen, dem dahinströmenden Blut und der dreißigjährigen Ernte des Todes erhielt durch die jüngsten Ereignisse der Geschichte eine neue Sinndeutung, und mancher Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts griff, auf der Suche nach einer verwandten Stimme, auf die zeitlich so entlegenen Werke [der Barockdichter] zurück.“ 

Bechers und Schneiders Sonette entstehen also in der Zeit des Nationalsozialismus, vor und während des Zweiten Weltkriegs, und auch noch danach. Reinhold Schneider hat seine Sonette, wenn ich es recht überschaue, zwischen 1925 und 1951 verfasst, wobei der Hauptakzent ganz eindeutig auf den Jahren von 1936 bis 1944 liegt. Bei Becher finden wir Sonette sogar schon 1913 – er ist auch der ältere der beiden, 1891 geboren, somit 12 Jahre älter als Schneider; und wir finden sie auch noch 1955 – beide verstarben 1958 –, wobei wir aber auch hier den Akzent auf die Jahre des Exils legen müssen.

Der Umstand, dass das Sonett als lyrische Form eigentlich gar keine „typisch deutsche“ oder in Deutschland sonderlich geübte und gepflegte Form ist, tritt bei Schneider stärker hervor. Grundsätzlich steht Schneider der iberischen Literatur näher als Becher und damit auch der „romanischen“ Barockform – mit der iberischen Welt beginnt seine schriftstellerische Laufbahn 1930, mit dem Leiden des Camões oder Untergang und Vollendung der Portugiesischen Macht. Luís de Camões gilt als einer der wichtigsten Repräsentanten des Sonetts und er war längst tot, als sich in Deutschland so etwas wie eine Barockliteratur überhaupt entwickelte. Was die besonderen stilistischen Herausforderungen angeht, so hat Becher mit seinem Buch über Das Sonett (1945) erheblich zur Reflexion über diese Form beigetragen.

Was soll uns das alles?

Der eine schreibt unter dem Druck des Nationalsozialismus, der andere vertrieben vom Nationalsozialismus, bei ständig steigendem psychischem Druck der Realität des Stalinismus. Sie beide retten sich in die Sonettform. Und doch tun sie es aus ganz anderen Entscheidungen oder poetologischen (ja, man kann und muss auch sagen ideologischen) Überlegungen heraus. Kurz gesagt – Schneider schafft christliche Sprachkunstwerke, er errichtet mit jedem seiner Sonette ein Denkmal des Christentums, seine Sonette sind Evokationen des Christentums. Die beiden Quartette des sprachmächtigsten und berühmtesten Sonetts aus der Feder Schneiders seien hier zitiert:

 

Allein den Betern kann es noch gelingen,
Das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten
Und diese Welt den richtenden Gewalten
Durch ein geheiligt Leben abzuringen.

Denn Täter werden nie den Himmel zwingen:
Was sie vereinen, wird sich wieder spalten,
Was sie erneuern, über Nacht veralten,
Und was sie stiften, Not und Unheil bringen.

 

Man erzittert bis heute bei dieser poetischen Erhabenheit, die zugleich eine enorme Wucht besitzt. Ein anderes Beispiel sei noch angeführt, aus dem Jahr 1941:

 

Wenn nicht das Licht der irdischen Sonne mehr
Den Tag verkündet, der zu oft entweiht,
Und glutverklärt in Wolkendunkelheit
Die Engel stehn, ein furchtbar Sternenheer,

Und dann die Erde wie ein wallend Meer
Sich von der Toten dunkler Last befreit,
Und hochaufflutend die Vergänglichkeit
Den König ahnt und Seine Wiederkehr:

Dann wird Sein Wort erleuchten diese Zeit,
Und die Verfluchten werden Segensboten
Und die Verworfnen Seine Kinder sein.

Laß diesen Tag, Herr, in Barmherzigkeit
Uns Deines Reichs gedulden mit den Toten;
Dein ist die Zeit, und das Gericht ist Dein!

 

Apokalypse, Gnade, Erlösung, Heiligkeit und die Engelwelt – niemand hat diese Bildwelt so poetisch sicher „beherrscht“ und gestaltet wie Reinhold Schneider.

Bei Becher liegt die Sache anders, denn mit Christentum hat der KPD- und spätere SED-Funktionär gleich gar nichts am Hut. Vielmehr hat Becher, und das ist weder ironisch oder verächtlich gemeint, der Sowjetunion einen großen Raum in seiner Lyrik gewidmet. Der Bruch im Gewölbe der Welt wird dementsprechend nicht religiös erschlossen, sondern politisch-ideologisch, dabei aber nicht weniger sprachmächtig und sprachspielerisch, etwa im Schlachtfeld um Stalingrad (und man hört Trakl eben auch mit und hindurch):

 

Als hätte eine Welt hier ausgeleert
Ihr Hirn, ihr Blut und ihre Eingeweide,
Dazwischen bunter Stoff zu einem Kleide
– ein Brillenglas blieb dabei unversehrt –

Ein Grammophon mit Walzermelodie –
Die Toten halten feil noch ihre Waren –
Von Bomben aufgesprengt und platt gefahren
Von Panzerketten: also lagen sie …

Ich sah sie liegen, und ein jeder lag
An seinem Platz und hatte Platz gefunden,
Und alle hatten sie nur ein Gesicht.

Es war ein grau umwölkter Wintertag,
Und dann fiel Schnee und deckte alle Wunden –
Und Stille war … Hier sprach das Weltgericht.

 

Das ist Schneiders empfindsamer Subtilität und seiner tiefgreifenden Gestaltung des Sonetts ohne weiteres vergleichbare sprachliche Meisterschaft. Becher wendet sich aber aus anderen Gründen dem Sonett zu: Weil er, zunächst einmal, kein experimenteller Autor (mehr) ist – und zweitens ist er innerhalb der kommunistischen Literatur auch kein Vertreter des Prolet-Kults (dessen Meriten hier nicht erörtert werden können), sondern ganz entschieden ein Vertreter der Tradition. Im Exil zählte Georg Lukács zu Bechers … „Vertrauten“ … wird man nicht sagen können, besser: zu seinen Dialogpartnern und ja, zu seinen Freunden. 1967 hat Lukács dazu folgendes gesagt, in einem bemerkenswerten Gespräch mit Ilse Siebert, der Leiterin des Becher-Archivs in Ost-Berlin:

SIEBERT: Mir geht es darum, er [Becher] hat auf diesem Kongreß [1936] bestimmte Formen der Dichtung verteidigt, zum Beispiel das Sonett, mit dem er sich damals gerade sehr beschäftigte, und soviel ich weiß, gab es damals starke Gegenstimmen, weil man diese Form als veraltet und nicht zum sozialistischen Realismus gehörig betrachtet hat. Becher hat diese Form aber sehr verteidigt. […]

LUKÁCS: Das entspricht durchaus meinen Erinnerungen, und hier ist ja der Punkt, wo […] ein Gegensatz bestand zu bestimmenden Strömungen, die von Leuten wie Ilja Ehrenburg vertreten wurden […]. Das theoretische Bündnis zwischen Becher und mir bestand darin, daß wir eine solche Reform der proletarischen Literatur durch Annahme von bestimmten modernen Ausdrucksmitteln abgelehnt haben. Unsere Position war die […], wie Lenin seinerzeit über den Proletkult geschrieben hat, daß die Stärke des Marxismus gerade darin besteht, aus der Menschheitsgeschichte alles historisch Wertvolle sich anzueignen und in den Sozialismus hineinzuarbeiten.  […] jedenfalls hängt [Bechers] Verteidigung der Sonettform sehr eng mit diesen Bestrebungen zusammen, die ich damals vertreten habe. […] Und ähnlich war es bei Becher eben in dieser Tendenz zum Sonett – und Sonett ist hier gewissermaßen ein Symbol für geformte Lyrik im Gegensatz zu der sehr zerfließenden Lyrik des Surrealismus damals –, in der Becher ganz bewußt an alte Traditionen angeknüpft hat.

So der Originalton von Georg Lukács.

Dank Schneider und Becher und Lukács sind uns heute makellose… nein, aber echte, schöne, traurige, ungeheure Sonette überliefert, die schillernd aufgeladen sind, erschütternd aufgeladen – ästhetisch aufgeladen aufgrund der spezifischen Literaturgeschichte, die sich zwischen Deutschland und den romanischen Ländern verzweigt, die sich ebenso zwischen der deutschen Tradition und der sozialistischen Literaturtheorie verzweigt – was eben auch heißt, dass man die traditionelle Form nicht einfach ungestraft aus politischen Gründen über Bord wirft!

Und sie sind politisch aufgeladen aufgrund der Tragödie der deutschen Geschichte, die auch die Tragödie der russischen bzw. sowjetischen Geschichte spiegelt. Wer deutsche Geschichte fassen will, begreifen, und dabei nicht nur zu historischen Arbeiten greifen, sondern knietief in die Literaturgeschichte und Literaturtheorie einsteigen möchte, der mag je ein Sonett von Reinhold Schneider und Johannes R. Becher zur Hand nehmen. Vielleicht auch das folgende, das Motiv aus vergangenen Zeiten, die mehr als nur ernüchternde, ja komplex-kafkaeske Summa des Johannes R. Becher – die eine poetische Summa der politischen Verdrehung, Verzerrung und Verfälschung ist:

 

Sie bringen einen Namen zum Verschwinden
Ganz unauffällig und wie aus Versehn,
Bald kannst Du nirgendwo dich wiederfinden,
Und ratlos fragst du dich: »Was ist geschehn?

Sag, welch Verbrechen habe ich verbrochen.
Hab nicht gejodelt wie geboten war?
Hab ich vielleicht der Meinung widersprochen,
Die eine zeitlang galt als unfehlbar.«

Wie fein ersonnen und wie überklug!
Was ich erschaffen hatte in Jahrzehnten
Unauffindbar, ich selbst unaufgefunden.

Den Toten ziehe ich zu, den Nichterwähnten,
Die aus dem Hinterhalt man niederschlug –
Und namenlos bin ich im Nichts verschwunden.

 

 

Literatur

  • Reinhold Schneider: Die Sonette. Köln, Hegner 1954.
  • Zur Lyrik Reinhold Schneiders. Passau, Schuster 2011.
  • Sinn und Form. (Erstes) Sonderheft Johannes R. Becher (1951).
  • Sinn und Form. Zweites Sonderheft Johannes R. Becher (1965).
  • Sinn und Form, 2/1990. Darin das Gespräch mit Georg Lukács (S. 321-331).

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