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Ungeordnete Notizen zur Literatur (1)

Ungeordnete Notizen zur Literatur (1)

LOGBUCH IX (28. Mai 2020) Von Michael Rieger.

Es ist ja sehr viel von Toleranz die Rede, eigentlich immer und überall. Müsste Toleranz nicht vor allem heißen, sich darum zu bemühen, den anderen zu verstehen? Peter Handke schrieb einmal, man müsse bedenken, dass der andere einen anderen Weg hinter sich habe. Man kann nicht einfach auf jemanden losgehen, wenn einem nicht passt, was er sagt – denn bedenke, dass der andere vielleicht einen ganz anderen, ganz anders gewundenen Weg hinter sich hat als du. Das gilt auch literarisch und es gilt ganz sicher im Hinblick auf die großen tragischen Kämpfe des 20. Jahrhunderts, an denen manche Autoren ihren Anteil hatten. So sind die Stalin-Hymnen von Johannes R. Becher fraglos eine Zumutung für den gesunden Menschenverstand. Man kann das heute eigentlich kaum lesen. Und doch – dahinter steckte auch ein Kalkül, mit dem sich der nicht unbedingt auf Konfrontationen versessene Becher den Rücken freihalten wollte. Jedem Zweifel an seiner Loyalität, standen diese Stalin-Elogen überdeutlich entgegen, damals in Moskau zwischen 1933 und 1945, in den Jahren des Terrors, der Säuberungen, des Irrsinns, der Angst, der Depressionen. Ehrliche Bewunderung, Opportunismus und Kalkül spielten so ineinander. Diese Zerrissenheit setzte sich auch in der DDR fort – nach außen ganz der hochgelobte Staatsdichter und loyale Funktionär, intern zuletzt doch kaltgestellt, weil Becher mit dem antistalinistischen Aufbruch in Ungarn sympathisiert hatte. Es ist ein Leichtes, Becher zu kritisieren und ihm seine menschlichen und literarischen Schwächen vorzuwerfen. Doch bedenke – dass der andere einen anderen Weg hinter sich hatte als du.

 

Nachdem er sein ganzes Leben lang mit Literatur umgegangen war, stellte Fritz J. Raddatz kurz vor seinem Tod fest, dass er sich für die aktuellen Autoren und ihre Texte nicht mehr interessieren könne. Die „Töne seiner Gegenwart“ seien ihm „nur mehr Geräusche“ und „die Wörter klingende Schelle“. Und weiter: „Zu viele Gedichte sind mir nur mehr halbgebildetes Geplinker, zu viele gepriesene Romane nur mehr preiswerter Schotter.“ So schrieb Raddatz am 19. September 2014 in der Welt. Das Objekt seiner Begierde, die Literatur, schien ihm nicht mehr liebenswert. Spricht daraus nur die Frustration, das Unverständnis eines alten Mannes, dem die Gegenwart zunehmend fremd wurde? Oder steckt darin doch vielleicht ein allgemeiner Hinweis auf die Ödnis der Literatur unserer Zeit? Welche Autoren könnten einem da einfallen? Sind es nicht vor allem jene Autoren, die, egal was sie auch schreiben, von der Kritik nur noch als die Produzenten gleich des nächsten Meisterwerks gelobt werden müssen?

 

Schon im Titel zitiert Silvio Blatter seinen Vorgänger Adalbert Stifter – den abschließenden Band seiner Freiamt-Trilogie hat er Das sanfte Gesetz überschrieben. Und so schließt er sich seinem vorangegangenen Kollegen ganz bewusst an, im Jahr 1988. Stifters Meditation über das „sanfte Gesetz“, seine Vorrede aus den Bunten Steinen ist daher so bemerkenswert, weil hier Aspekte der Anschauung der Welt in ein ästhetisches Programm übergehen. „Es gibt daher Kräfte, die nach dem Bestehen der gesamten Menschheit hinwirken, die durch die Einzelkräfte nicht beschränkt werden dürfen, ja im Gegenteile beschränkend auf sie selber einwirken. Es ist das Gesetz dieser Kräfte, das Gesetz der Gerechtigkeit, das Gesetz der Sitte, das Gesetz, das will, daß jeder geachtet, geehrt, ungefährdet neben dem anderen bestehe, daß er seine höhere menschliche Laufbahn gehen könne, sich Liebe und Bewunderung seiner Mitmenschen erwerbe, daß er als Kleinod gehütet werde, wie jeder Mensch ein Kleinod für alle andern Menschen ist. Dieses Gesetz liegt überall, wo Menschen neben Menschen wohnen, und es zeigt sich, wenn Menschen gegen Menschen wirken. Es liegt in der Liebe der Ehegatten zu einander, in der Liebe der Eltern zu den Kindern, der Kinder zu den Eltern, in der Liebe der Geschwister, der Freunde zueinander, in der süßen Neigung beider Geschlechter, in der Arbeitsamkeit, wodurch wir erhalten werden, in der Tätigkeit, wodurch man für seinen Kreis, für die Ferne, für die Menschheit wirkt, und endlich in der Ordnung und Gestalt, womit ganze Gesellschaften und Staaten ihr Dasein umgeben und zum Abschlusse bringen.“ Hier sind in knappen Worten elementare soziale Beziehungen beschrieben – doch von hier aus geht Stifter dann zur Literatur über: „Darum haben alte und neue Dichter vielfach diese Gegenstände benützt, um ihre Dichtungen dem Mitgefühle naher und ferner Geschlechter anheim zu geben. Darum sieht der Menschenforscher, wohin er seinen Fuß setzt, überall nur dieses Gesetz allein, weil es das einzige Allgemeine, das einzige Erhaltende und nie Endende ist. Er sieht es eben so gut in der niedersten Hütte wie in dem höchsten Palaste, er sieht es in der Hingabe eines armen Weibes und in der ruhigen Todesverachtung des Helden für das Vaterland und die Menschheit.“ Der Menschenforscher? Wer ist dieser Menschenforscher? Das ist eben der Schriftsteller. Und er forscht mit Worten, er forscht mit der Sprache. Sein „Forscherinteresse“ richtet sich auf die kleinen, alltäglichen Dinge: „Wenn wir die Menschheit in der Geschichte wie einen ruhigen Silberstrom einem großen ewigen Ziele entgegen gehen sehen, so empfinden wir das Erhabene, das vorzugsweise Epische. Aber wie gewaltig und in großen Zügen auch das Tragische und Epische wirken, wie ausgezeichnete Hebel sie auch in der Kunst sind, so sind es hauptsächlich doch immer die gewöhnlichen, alltäglichen, in Unzahl wiederkehrenden Handlungen der Menschen, in denen dieses Gesetz am sichersten als Schwerpunkt liegt, weil diese Handlungen die dauernden, die gründenden sind, gleichsam die Millionen Wurzelfasern des Baumes des Lebens.“ Wenn Silvio Blatter 120 Jahre nach Stifters Tod den Topos vom „sanften Gesetzes“ zum Titel seines Romans macht, kann dies nur aus ästhetischen bzw. poetologischen Gründen geschehen. Da ist das Glas Wasser, das Laub der Bäume, das Gartenfest, die ertrunkene Katze, die alte Frau mit „weißem Spinnenweb auf dem durchscheinenden Schädel“. Und: „Auf den Feldern wurde Mais eingeholt, in den Baumgärten pflückte man Obst. Der Geruch der Mosterei hockte über dem Dorf, und die Zugvögel kreisten in aufgeregten Schwärmen am Himmel, als überfordere es sie, die Richtung für den Abflug zu finden.“ Ernte und Vogelflug… sie sind sinnlich fassbar, sie sind das ganz Konkrete und gleichzeitig repräsentieren sie die Momente der Wiederholung. Noch einmal mit Stifter gesprochen – es geht um „die gewöhnlichen, alltäglichen, in Unzahl wiederkehrenden“ und „die dauernden, die gründenden“ Handlungen der Menschen. Es ist eine Literatur, die dem Rhythmus nachlauscht, in den die Menschen eingewoben sind.



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