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Spurensuche nach den Letzten ihrer Art

Spurensuche nach den Letzten ihrer Art

Im Juni 2020 verstarb der französische Schriftsteller Jean Raspail. In seinem bei Karolinger erschienenen Werk Die Axt aus der Steppe erkundet er untergegangene Welten.

LOGBUCH XIII (23. August 2020) Von Till Kinzel.

Wer als Reisender auf den verwehten Spuren untergegangener Völker unterwegs ist, weiß vielleicht, wonach er sucht. Aber er weiß nicht, ob er das Gesuchte finden kann, geschweige denn ob es überhaupt noch existiert. Diejenigen, die zuvor in ihren Reiseberichten oder ethnologischen Feldstudien von einem solchen Volk berichteten, waren meist schon Jahre oder Jahrzehnte früher dort gewesen. Es mag sein, daß ein solcher Reisender sich mehr in das  Reich der Träume als in der Wirklichkeit bewegt. Zumindest aber kommt er mit der gesuchten Wirklichkeit nur in Kontakt, weil seine Träume ihn leiten.

Ein solcher Reisender, so scheint es, war auch der französische Schriftsteller Jean Raspail (1925–2020), der die Welt durchstreifte, um die letzten Angehörigen verschwundener Völker oder die Nachfahren besiegter und untergegangener Armeen zu finden – ob in Fernost, in Lateinamerika oder in den Weiten Rußlands, aber auch in Frankreich selbst.

In seinem episoden- und anekdotenreichen Buch Die Axt aus der Steppe [frz. La Hache des Steppes], das ursprünglich 1974 erschien und nun in einer gelungenen Übersetzung auch in deutscher Sprache gedruckt wurde, wandte sich Raspail solchen verwehten Spuren zu, nachdem er zuvor jenes Buch verfaßt hatte, mit dem ihm die Schöpfung eines modernen Klassikers gelungen war: Das Heerlager der Heiligen. Diese dystopische Satire, die den Niedergang und Fall des uns bekannten Europa bzw. zunächst Frankreichs durch innere wie äußere Faktoren schilderte, zeigte Raspail als scharfsichtigen, ja sarkastischen Diagnostiker ebenso wie als begnadeten Polemiker – Eigenschaften, die ihm, insgesamt gesehen, wenig Freunde machten. Der fast vollständige Mangel einer literaturwissenschaftlichen Beschäftigung mit Raspails Werk belegt dies hinreichend – sieht man von Nonkonformisten wie dem rumänischen Professor Virgil Nemoianu von der Catholic University of America in Washington, DC ab, der Raspails Werk mit phantastischer Literatur von Alfred Kubins Die andere Seite bis hin zu Mircea Cartaraescu in Verbindung brachte.

Die Axt aus der Steppe, wenig später als das Heerlager erschienen, zeigt nun aufs Schönste, daß Raspail, ohne irgend etwas von der scharfen Gesellschaftssatire dieses Romans zurückzunehmen, auch über ein ganz anderes stilistisches Register verfügt. In den Kapiteln dieses Buches, das man nur sehr bedingt als Reiseliteratur im eigentlichen Sinne bezeichnen kann, bringt Raspail eine oft sehr persönliche Perspektive ins Spiel, die seine Bereitschaft zeigt, sich auch auf teils absurd wirkende Begegnungen und Erfahrungen einzulassen.

Und dieser persönliche Faden, den Raspail immer wieder aufnimmt und der sich mäandernd durch das Buch zieht, wird von Anfang an durch das titelgebende Objekt, die ihm von seinen Vorfahren überlieferte Axt aus der östlichen Steppe, eingeführt. Mag sein, daß diese fein geschliffene Basalt-Axt, die seit langer Zeit im Besitz seiner Familie ist, tatsächlich 3.000 Jahre alt ist – aber auch wenn dies nicht zuträfe, verlöre die Axt nichts von ihrer Bedeutung als Symbol der Überlieferung, einer Überlieferung, die oft notwendig ungewiß und damit gleichsam mythisch bleiben muß.

Die Überlieferung dieses Gegenstandes, den sogar noch sein Großvater zum Zerkleinern von Holz verwendet hatte, ist es, die Raspail bestimmt, über die Verbindung der Menschen zur Vergangenheit, genauer: zur Vergangenheit ihrer Familien, nachzudenken. Wer wisse denn noch, so fragt Raspail, welchen Beruf sein Groß- oder Urgroßvater ausgeübt hatte? Wer kennt überhaupt noch ihre Vornamen? Und alles, was davor liegt, scheint ohnehin im Nebel eines geschichtslosen Vergessens verschwunden zu sein. Raspail nun verbindet diese Frage, die er selbst vielen gestellt hat und sich auch jeder selbst stellen möge, mit gleichsam völkerkundlichen Exkursionen vor allem in der Karibik, wo ihn die Suche nach den letzten Spuren der ursprünglichen Indio-Bevölkerung auf entlegene Inseln und schwer zugängliche Bergregionen z. B. auf Haiti führt – ebenso aber auch zu einer Nachtclubtänzerin in Lausanne, die vielleicht die letzte Nachfahrin eines karibischen Stammes auf Guadeloupe gewesen sein mag.

Geradezu besessen von der Idee, solche „verborgenen Rassen“ aufzuspüren, die einmal eigenständige Kulturen ausgebildet hatten, reist Raspail dorthin, wo es ihm scheint, als könne er dort die Schnittstelle von Traum und Wirklichkeit erreichen. Raspail ist ein Don Quijote der Ethnologie, dem in der Reflexion auf seine eigene Obsession zugleich auch ihr religiöser Charakter aufgeht. Die Suche nach den Letzten ihrer Art führt ihn unausweichlich in den Mythos hinein, doch eben dieser Mythos läßt sich nicht greifen – außer in Geschichten, deren Wahrheit sich keineswegs zuverlässig verbürgen läßt. Zu ungewiß und zweifelhaft erscheinen die Quellen, zu zufällig auch manche Verbindungen, zu schön, um wahr zu sein, manche Räuberpistole, die Raspail erzählt. Aber sei es drum – so wie sich das Heilige dem Menschen durchaus entzieht, weil es in vielen Gestalten erscheint, so läßt es andererseits auch die Annäherung zu und fordert sie zugleich. Auch Raspail kann sich daher nur demjenigen annähern, von dem er träumt, ohne Gewißheit, es wirklich erreichen zu können, vielleicht auch manches Mal halb froh, es nicht erreicht zu haben. Denn so kann der Mythos intakt bleiben, der sonst zur Enttäuschung würde. Raspail erzählt also Geschichten, die mythisch wirken und auch so wirken sollen – denn der Mensch, so Raspail, benötige Mythen mehr als das tägliche Brot. Diese Einsicht liegt wohl auch einigen der am meisten mythisch wirkenden Romanen des Autors zugrunde, wie dem Ring des Fischers, einer imaginären Geschichte geheimer Gegenpäpste. Dasselbe gilt für Sieben Reiter verließen die Stadt – auch diese Reiter sind die Letzten ihrer Art, die dem unausweichlich scheinenden Verfall eines kleinen Landes auf den Grund gehen wollen.

Das religiöse Gespür des Autors macht sich in Die Axt aus der Steppe besonders in einem eindrucksvollen Exkurs bemerkbar, der ins ferne Japan führt. So habe man Ende des 19. Jahrhunderts bei Nagasaki „eigenartige christliche Gemeinden“ gefunden – die zurückgingen auf eine lebendiges römisch-katholisches Bistum aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Diese dort hart verfolgten Christen überdauerten Jahrhunderte, doch ohne Priester gaben sie ihren Glauben nur mündlich weiter. Es blieben ihnen irgendwann nur noch halb oder kaum verstandene Worte, verballhorntes Latein, und Gesten – aber eben dies, so Raspail, war das Essentielle, was vom Glauben und der Sehnsucht nach dem Heiligen zeugte. Aber was geschah mit diesen im Geheimen lebenden Christen, die Raspail selbst noch 1956 selbst erleben konnte?

Sie wurden wenige Jahre später von der Konzilskirche erobert, man sandte ihnen, wie Raspail sarkastisch notiert, „echte Priester (…) vom allerneuesten Modell“. Und während sie über Jahrhunderte ihre eigentümliche und selten vollzogene Liturgie feierten, ließen sie diese durch drei Späher absichern. Doch diese wurden nun abgeschafft – für Raspail ein schwerer Fehler angesichts der weiteren Entwicklung der Kirche: „Die Zeiten, in denen wir uns befinden, waren vielleicht nicht der richtige Moment, die Späher abzuschaffen, sie hätten ihren Dienst zum allgemeinen Besten wieder aufnehmen sollen.“

Raspail phantasiert – ausgehend von einer Denkschrift seines Urgroßvaters aus dem Jahre 1843 – über die Abstammung seiner eigenen Familie von den Westgoten der Völkerwanderungszeit – doch von diesem Volk waren schon im frühen Mittelalter eigentlich keine Spuren mehr zu finden. Aber Raspail verfolgt nicht nur die vielleicht oder wahrscheinlich völlig verwehten Spuren dieser Westgoten, mit denen sich seine Familie identifizierte. Er läßt sich auch durch die berühmte Schlacht auf den Katalaunischen Feldern von 451 südlich von Paris dazu inspirieren, nach den Spuren der damals zurückgebliebenen letzten Hunnen in Nordfrankreich zu suchen. Und hier nun läuft Raspail zu wahrhaft großer humoristischer Form auf, wenn er in dem entsprechenden Dorf nach den Hunnen fragt und Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschmelzen. Raspail kommentiert dann abschließend die These, durch die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern sei das Abendland gerettet worden, mit dem lakonischen Satz: „Bedauerlicherweise wurde die Arbeit nicht zu Ende gebracht. Ich fürchte, daß es in nächster Zeit erforderlich sein wird, sie wieder anzupacken.“

Im weiteren Verlauf des Buches folgen andere bizarr wirkende Episoden, die z. B. den Napoleonischen Krieg in Rußland 1812 mit dem Rußlandeinsatz einer französischen Freiwilligeneinheit „gegen den Bolschewismus“ im Zweiten Weltkrieg verbinden. Der letzte überlebende Veteran dieser Einheit, zugleich Feldwebel wie Priester, schildert Raspail seine eigenen Forschungen über in einem Wald in den Weiten Rußlands begrabene Franzosen, Forschungen, die ebenfalls den Charakter einer Obsession besitzen. Hier stammt alle Information aus Quellen zweiter Hand, weil Raspail selbst sich nicht auf den Weg in jenes ferne Dorf im Wald gemacht hat, wo angeblich Nachfahren jenes Kriegszugs von 1812 überlebt hatte. Und auch ein mysteriöser Prinz kann diesmal nicht weiterhelfen, der Verbindungen in alle Welt besitzt, mittels deren er eigentlich obskure Geheimnisse aufklären kann – so wie den Verbleib des Schwertes eines letzten Ainu aus Japan, der zum Sterben hoch in die Berge gegangen war, aber dort ohne sein Schwert gefunden wurde.

Schließlich führt Raspails Weg wieder nach Südamerika in die bolivianischen Anden. Hier sei die Stille das fünfte Element neben Erde, Wasser, Feuer und Luft: „Der Mensch lauscht in den Anden dem Wind wie der Stimme seines Schöpfers.“ In dieser Welt der Berge, die sich von der europäischen deutlich unterscheidet, schickte Raspail sich an, die letzten Überreste der Uru aufzuspüren, eines Stammes, der sich selbst für Halbgötter, nicht für Menschen hielt, gleichwohl oder eben deswegen von den umgebenden Stämmen massakriert, fast völlig ausgelöscht worden war.

In dem Bergdorf der Uru, bis zu dem ihn zwei Träger aus dem benachbarten Indio-Stamm der Aymara führten, in das er dann aber allein hineingehen mußte, findet Raspail auf dem Altar der verlassenen Kapelle ein vergilbtes und vom Regen aufgeweichtes Exemplar eines ethnologischen Buches über die Uru, in dem auch fünf Photographien der letzten Uru abgebildet waren. Vier dieser Bilder aber waren aus dem Buch entfernt und offensichtlich mit den Abgebildeten begraben worden. Für den fünften Mann, der ohne sein Bildnis bestattet wurde, vollzieht nun Raspail selbst die nötigen Riten – während in sicherem Abstand, wie von einem Tabu abgehalten, mit einer Mischung aus heiliger Scheu und Verachtung, das gesamte Dorf der Aymara das Ende der Zeremonie abwartet, mit dem der Untergang der Uru endlich und auch symbolisch hinreichend besiegelt war.

Mit dem ethnologischen Buch hat Raspail gleichsam auch die „Axt aus der Steppe“ dieser letzten Uru beerdigt – jene Axt, die als Sinnbild für den Untergang von Kulturen steht. Die Axt aus der Steppe, so Raspail, bringe Unglück. Die Axt Raspails, zu der seine Reflexionen immer wieder zurückkehren, ist nicht die Waffe von Siegern, sie ist das Werkzeug der Besiegten.

Auch und gerade die Besiegten, die Versprengten, die Untergehenden, haben ein Recht auf Würde. Und so bleibt nach der Lektüre dieses eindrucksvollen Buches, das einen ganz eigenen Sog entfaltet, ein Gefühl der Melancholie, aber dieses Gefühl beherrscht den Leser nicht vollkommen. Denn man wird aufs neue empfänglich für die Spuren des Heiligen, die sich noch an den am weitesten entfernten Orten finden. Raspail war kein Wissenschaftler, kein Ethnologe – er weiß aber um die Spannung von wissenschaftlicher und romantischer Beziehung zu den Dingen, zu Völkern.

Die wissenschaftliche Betrachtungsweise hat ihr Recht, sie kann an manchem zweifeln, was in den Überlieferungen weitergetragen wurde. Aber auch wenn sie die Träume zerstört, welche die Völker selbst so wie auch der Reisende Raspail träumen, bleibt doch immer auch etwas vom Mythos zurück, den der Schriftsteller trotz aller Ironie weiterträgt, wenn nicht im Moment des Schreibens erst erschafft.

 

 

Jean Raspail: Die Axt aus der Steppe. Reisen auf verwehten Spuren. Deutsch von Konrad Markward Weiß. Wien: Karolinger, 2019.

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