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Sieg der Selbstbestimmung? Überlegungen zur „Suizidbeihilfe“

Sieg der Selbstbestimmung? Überlegungen zur „Suizidbeihilfe“

LOGBUCH VI (8. März 2020) Von Josef Bordat.

Der Beschluss des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) zur Suizidbeihilfe wird von den Beschwerdeführern (allen voran den Sterbehilfeorganisationen) als Sieg der Selbstbestimmung gefeiert. Indem es § 217 StGB verwirft, der Sterbehilfe grundsätzlich verbietet (Abs. 1), Angehörige und Nahestehende ausgenommen (Abs. 2), stellt das BVerfG in der Tat fest, jeder Mensch habe ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben – unabhängig davon, ob er schwer oder unheilbar erkrankt ist. Dieses Recht bestehe für jede und jeden in jeder Phase des Lebens.

Gleiches Recht für alle

Das ist naheliegend, denn warum sollte ein kranker Mensch über sein Leben verfügen dürfen, ein nicht-kranker Mensch hingegen nicht? Wer den Begriff Selbstbestimmung ernst nimmt, muss diese Weiterung hinnehmen, denn wer sollte festlegen, ab welchem Leidensdruck das Primat der Autonomie gelten soll? Was für die 90-jähige Demenzkranke gilt, muss auch für den von Liebeskummer geplagten 15jährigen gelten. Und auch für den 45-jährigen, der sich bei der Sterbehilfeeinrichtung meldet, ohne die Gründe seines Sterbewunsches offenzulegen. Wenn man in ein Schuhgeschäft geht und sagt, man hätte gerne Sandalen, dann fragt die Verkäuferin ja auch nicht als erstes: „Warum?“

Sie merken: Es fällt mir schwer, nicht zynisch zu werden, angesichts der inneren Logik des Beschlusses. Ich bin sehr enttäuscht darüber, wie wenig das BVerfG den Umstand würdigt, dass Suizid nichts mit Freiheit zu tun hat und es Selbstbestimmung nicht mit dieser absoluten Verfügungsgewalt geben kann, ohne damit das menschliche Leben an sich zu entwerten. Die Würde des Menschen steht zur Disposition.

Wert und Würde

Selbstbestimmung – wie sie diejenigen nun begrüßen, die meinen, je mehr Möglichkeiten für die aktive Gestaltung des Lebensendes erlaubt sind, desto mehr werde man der Würde des Menschen gerecht – gibt es in dieser Form nicht, zumindest nicht in sinnvoller Weise. Es ist ja zunächst offenkundig so, dass das Urteil über den eigenen „Lebensunwert“ des Suizidalen – sei er dement, unglücklich verliebt oder beruflich erfolglos – nur mit sehr viel Zynismus als „Selbstbestimmung“ verklärt werden kann – mit Würde hat das nichts zu tun.

Nun regt das BVerfG eine Beratungspflicht an (analog zu § 218 StGB). Das ist natürlich einerseits das Mindeste (selbst beim Schuhkauf lässt man sich regelmäßig beraten), andererseits unterläuft es die Selbstbestimmung. Wenn man sagt, man wolle sterben, dann hat man einen gefälligst zu töten! Solange man bezahlt. Vorkasse. Was soll dann noch das lange Gequatsche? Es droht sich Geschichte des § 218 StGB zu wiederholen: Beratungsschein nach Scheinberatung. Aber ich wollte ja nicht zynisch werden.

Mensch und Menschheit

Sprechen wir genauer von Selbstbestimmung, entdecken wir hinter dem Stolz des Unbedingten schnell Grenzen und Abgründe. Der Philosoph Immanuel Kant war der Meinung, der Mensch sei „Zweck an sich“ und dürfe – bei aller Autonomie – sein eigenes Leben nicht zum Mittel machen, etwa um Leid zu verkürzen. Er sieht in der Selbsttötung eine Verletzung der moralischen Pflicht des Menschen, gemäß seiner „Naturanlagen“ zu leben. Und das sagt er in einer Zeit, in der es noch nicht so gute Möglichkeiten gab, auch starke Schmerzen medikamentös zu lindern, was heute ohne weiteres geht.

Jede Selbstbestimmung hat Grenzen – denn Niemand lebt allein. Doch selbst dann, wenn der Mensch allein lebte, gäbe es Grenzen seiner Verfügungsmacht über sich und das in ihm wohnende Menschliche (Kant nennt es Sittlichkeit oder moralisches Gesetz). Es gibt also Pflichten gegen unser Menschsein als solches, die wir auch dann nicht verletzen dürfen, wenn sich alle Menschen, die eine Entscheidung äußerlich etwas angeht, einig sind.

Es handelt sich um Entscheidungen, die gegen das Wesen und die Würde des Menschen gerichtet sind. Hier ist der Autonomie des Menschen eine letzte Grenze gezogen: eben jene Würde, die heute gerade als Grund für ein schrankenloses Selbstbestimmungsrecht herhalten muss. Doch Würde umfasst mehr als das, was einen einzelnen Menschen angeht, mehr als seinen Körper und seine Seele. Es geht um die Würde, die in uns wohnt, uns zugleich aber übersteigt und uns letztlich entzogen ist. Auch die „schafft man aus der Welt“, wenn man sich das Leben nimmt oder nehmen lässt.

Selbsttötung und Sterbehilfe gehören also zu diesen gegen das Wesen und die Würde des Menschen gerichteten Entscheidungen. Es handelt sich um Taten gegen die „natürliche Lebenspflicht“ des Menschen (so Kant), um Handlungen, mit denen sich das empirische Subjekt (der einzelne Mensch) gegen die Transzendentalsubjektivität des Menschen erhebt, gegen das Menschsein, die „Menschheit“ (nach Kant das „vernünftige Weltwesen“, das der Mensch als „Urbild seiner Handlungen in seiner Seele trägt“ und das in „moralischer Vollkommenheit“ geschaffen ist), also das über den einzelnen Vertreter der Menschheit hinausgehende Menschliche, die gedankliche Vorstellung davon, was den Menschen wesentlich ausmacht, was ihn zum Menschen macht, kurz: seine Sittlichkeit (nicht nur seine Seele), seine Würde (nicht nur seinen Wert).

Selbsttötung und Sterbehilfe widersprechen also der Menschenwürde. Immer. Weil man nicht nur seinen Körper zerstört, der einem in gewisser Weise „gehören“ mag, sondern etwas, das einem nicht gehört: die Würde. Wer das Subjekt vernichtet, „schafft auch das aus der Welt“, was es überhaupt erst zum Subjekt macht – und schadet damit dem Prinzip der Subjektivität. Es ist also ein Missbrauch von Selbstbestimmung, diese so weit zu fassen, dass auch die Vernichtung ihrer Voraussetzung, das Subjektsein des Menschen, darunter fällt. Soweit Immanuel Kant.

Bibel und Kirche

Eine noch deutlichere Ablehnung von Selbsttötung und Sterbehilfe erwächst aus dem Begriff der Würde, wie ihn das Christentum prägt. Die christliche Theologie verleiht dem Menschen eine unveräußerliche Würde, eine dignitas humana, die direkt aus der Gottebenbildlichkeit des Menschen erwächst (vgl. Gen 1, 26-27). Als Abbild Gottes ist dem Menschen personale, subjektive Würde verliehen, die er, der Mensch, zu achten hat. Das schließt die Verfügung über die Bedingung der Möglichkeit ihrer Existenz, also: das Leben, ebenso aus wie ihre direkte Verletzung. Ohne diese als bedingungslos verstandene Würde wird der Mensch zum Spielball von Interessen, kann instrumentalisiert werden und verliert den Anspruch auf unbedingte Achtung seines Lebensrechts. Die Abschaffung der Sklaverei etwa konnte nur gelingen, weil sich Christen vor dem Hintergrund des christlichen Menschenbildes für die Freiheit des Menschen einsetzten. Die christliche Stimme ist heute die einzige, die sich noch deutlich vernehmbar für den unbedingten Schutz des menschlichen Lebens erhebt, eben weil es im Christentum eine absolute, von Gott her bestimmte Würde zu schützen gilt.

Die Position der Katholischen Kirche fasst die Überlegungen zu Subjektivität, Sittlichkeit und Würde in der Forderung nach „Achtung vor der menschlichen Person“ zusammen. In der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes des Zweiten Vatikanischen Konzils heißt es: „Was ferner zum Leben selbst in Gegensatz steht, wie jede Art Mord, Völkermord, Abtreibung, Euthanasie und auch der freiwillige Selbstmord; was immer die Unantastbarkeit der menschlichen Person verletzt, wie Verstümmelung, körperliche oder seelische Folter und der Versuch, psychischen Zwang auszuüben; was immer die menschliche Würde angreift, wie unmenschliche Lebensbedingungen, willkürliche Verhaftung, Verschleppung, Sklaverei, Prostitution, Mädchenhandel und Handel mit Jugendlichen, sodann auch unwürdige Arbeitsbedingungen, bei denen der Arbeiter als bloßes Erwerbsmittel und nicht als freie und verantwortliche Person behandelt wird: all diese und andere ähnliche Taten sind an sich schon eine Schande; sie sind eine Zersetzung der menschlichen Kultur, entwürdigen weit mehr jene, die das Unrecht tun, als jene, die es erleiden. Zugleich sind sie in höchstem Maße ein Widerspruch gegen die Ehre des Schöpfers“ (Nr. 27).

Ökumene für das Leben

In einem gemeinsamen Papier haben die EKD und die DBK 1989 über die Person in Kontext der Sterbehilfe folgendes festgehalten: „Die Unverfügbarkeit des anderen, seine Unantastbarkeit als Person, bedeutet die Einräumung eines unbedingten Lebensrechts des anderen und die prinzipielle Respektierung seines Eigenrechts, seines Selbstbestimmungsrechts“, mit der prinzipiellen Einschränkung: „Keiner hat über den Wert oder Unwert eines anderen menschlichen Lebens zu befinden – selbst nicht über das eigene. Dies entzieht sich auch schlicht unserer Kenntnis: Denn jeder ist ungleich mehr und anderes, als er von sich weiß. Keiner lebt nur für sich; und was einer für andere bedeutet, das wird er nie genau wissen. Im Glauben daran, daß Gott das Leben jedes Menschen will, ist jeder mit seinem Leben, wie immer es beschaffen ist, unentbehrlich“. Auch der Suizid sei daher vor Gott und den (anderen) Menschen nicht zu verantworten: „In der Selbsttötung verneint ein Mensch sich selbst. Vieles kann zu einem solchen letzten Schritt führen. Doch welche Gründe es auch sein mögen – keinem Menschen steht darüber von außen ein Urteil zu. Die Beweggründe und die Entscheidungsmöglichkeiten eines anderen bleiben ebenso wie eventuelle Auswirkungen einer Krankheit im letzten unbekannt. Für den Christen bedeutet die Selbsttötung eines anderen Menschen eine enorme Herausforderung: Er kann diese Tat im letzten nicht verstehen und nicht billigen – und kann dem, der so handelt, seinen Respekt doch nicht versagen. Eine Toleranz gegenüber dem anderen noch über das Verstehen seiner Tat hinaus ist dabei gefordert. Doch die Selbsttötung billigen und gutheißen kann der Mensch nicht, der begriffen hat, daß er nicht nur für sich lebt“. Darauf werde ich noch zurückkommen.

Was hat Suizid mit Freiheit zu tun?

Gerichtspräsident Andreas Voßkuhle fasst die Entscheidung des BVerfG so zusammen: „Wir mögen seinen Entschluss bedauern, wir dürfen alles versuchen, ihn umzustimmen, wir müssen seine freie Entscheidung aber in letzter Konsequenz akzeptieren“. Freie Entscheidung. Hoppla! Es lohnt sich, genauer hinzuschauen.

Man kann argumentieren, dass die Freiheit des Menschen das Recht umfasse, das eigene Leben jederzeit zu beenden, wenn man dies denn will. Doch das ist eine Position, die sich kritisieren lässt, mit und ohne Gottesbezug, wie man an den philosophischen, theologischen und kirchlichen Texten sieht. Man muss sich dazu die Frage stellen, ob ein Mensch, der meint, nicht mehr weiterleben zu können, überhaupt „frei“ ist, also jene Autonomie und Selbstbestimmung aufweist, um die es geht.

Nein, ist er nicht. Freiheit und Suizidalität schließen sich aus. Ganz im Gegenteil gilt: Nirgendwo ist der Mensch unfreier, als in dem Moment, wo er sich die Bedingung der Möglichkeit, Freiheit zu erfahren, nehmen will: das Leben. In der Extremsituation, in der sich ein Mensch befindet, der den Suizid erwägt, gibt es keine Freiheit. Fragt man Menschen, die einen Selbsttötungsversuch überlebten, so beschreiben diese alle möglichen Gefühlslagen. Das Gefühl, frei gewesen zu sein, gehört nicht dazu. Der sprichwörtliche „Tunnelblick“, die Fixierung auf die Selbsttötung als einzigen „Ausweg“ ist eine feststehende Wendung in den Erzählungen derer, die mit ihrem Suizidversuch scheiterten.

Um das nachvollziehen zu können, muss man sich zuvor von dem Gedanken lösen, Freiheit sei das Resultat eines möglichst breiten Angebots an Optionen. Das ist aber ein Irrtum. Denn Freiheit braucht paradoxerweise immer auch die Bereitschaft und Fähigkeit zur Bindung, um Entscheidungsspielräume auf ein faktisch und ethisch handhabbares Maß einzuengen. Absolute Freiheit – wozu ich die Verfügung über Menschenleben, auch über das eigene, zählen möchte – ist ein geradezu unmenschlich hoher Anspruch.

Für den Menschen gibt es keine absolute Freiheit, zumindest nicht als spürbare Freiheit, denn absolute Freiheit führte in der Praxis zu Entscheidungsunfähigkeit und damit de facto zu Unfreiheit. Echte Freiheit gibt es nur unter Bedingungen. Eine Möglichkeit, ein Mehr an Freiheit zu erlangen, ist daher die freiwillige Selbstbindung. Für den Christen erfolgt diese als Bindung an Gott. Mit Kant ist aber auch an eine Selbstbindung an das absolute Moralgesetz zu denken, aus dem sich eine absolute Lebenspflicht notwendig ergibt.

Fremdbestimmung

Wenn man selbstbestimmt handelt, bestimmt man nicht nur sich selbst, sondern auch andere. Man lebt ja nicht allein oder „für sich“, wie es in dem EKD/DBK-Papier heißt. Dass sich in diesem Fall der moralische Status des Suizids bzw. der Beihilfe zum Suizid auch nicht änderte, hatte ich oben bereits mit Kant verdeutlicht. Nun ist es aber in Wirklichkeit so, dass wir immer in einer Gemeinschaft mit anderen Menschen leben, die durch unser Handeln immer auch fremdbestimmt werden.

Der Mensch bleibt bis zuletzt ein ens sociale. Er verliert auch im Sterben nicht die Beziehung zu Dritten. Damit ist immer auch Verantwortung verbunden. Es ist eine Illusion zu meinen, der Suizid beträfe nur den Suizidalen selbst. Jede Handlung hat Konsequenzen für Dritte. Von jedem Suizid sind Dritte betroffen. Was für den Suizid gilt, gilt natürlich in besonderer Weise für die Suizidbeihilfe. Hier werden Dritte unmittelbar mit einbezogen. Die Selbstbestimmung untergräbt faktisch die Selbstbestimmung Dritter, indem sie diese mindestens in schwerwiegende Gewissenskonflikte bringt oder gar mit einer gesetzlich verbrieften „Hilfspflicht“ konfrontiert.

Besonders Pflegern und Ärzten kann die Situation einer auferlegten Pflicht (zu der ein „Verlangen“ führte) nicht zugemutet werden: „Käme ein Arzt solchem Verlangen nach, so zöge er sich einen zerreißenden Konflikt zu zwischen seiner ärztlichen Berufspflicht, Anwalt des Lebens zu sein, und der ganz anderen Rolle, einen Menschen zu töten. Täte er es auch aus Mitleid – ließe sich dann vermeiden, daß man ihm auch noch andere Motive zu unterstellen beginnt? Das wäre das Ende jedes Vertrauensverhältnisses zwischen Arzt und Patient“ (EKD und DBK, 1989). Oder das Ende der Berufsausübungsmöglichkeit für Ärzte mit einem christlichen Gewissen.

Wachsender Druck

Welche Folgen hätte es gesellschaftlich, wenn es nun erlaubt wird, Sterbehilfe zu leisten? Das weiß ich nicht. Das ist ja gerade das Problem: Dass letztlich ein nicht zu kontrollierendes gesellschaftliches Klima entsteht, in dem unerwünschte Effekte eintreten, die – und das ist entscheidend – normativ nicht einzuholen sind. Die Folgen zeigen sich in der Alltagsmoral, im Umgang mit kranken und alten Menschen und vor allem auch mit deren Angehörigen, die ja schließlich „etwas tun“ könnten.

Das sind Ebenen, die sich selbst nicht rechtlich regeln lassen, gleichwohl aber Frucht einer Rechtsnorm sein könnten. Ich fürchte, dass mit der Akzeptanz von Sterbehilfe aller Art nach Streichung von § 217 StGB der Druck auf kranke und alte Menschen immer mehr zunehmen wird, doch bitte „sozialverträglich“ aus dem Leben zu scheiden, beziehungsweise auf Angehörige und „Fachpersonal“, ihnen dabei zu helfen. Mit dem Recht, Sterbehilfe beanspruchen beziehungsweise leisten zu können, korrespondiert nämlich die Pflicht zur Rechtfertigung, warum man dies dann nicht auch tut.

Fazit

Ja, vordergründig betrachtet ist der BVerfG-Beschluss ein Sieg der Selbstbestimmung. Doch auf den zweiten Blick entpuppt sich dieser Sieg am Ende als Triumph der mittelbaren Fremdbestimmung und des ohnehin stetig wachsenden gesellschaftlichen Drucks auf Kranke und Alte. Ein sehr hoher Preis.

 

Diese Beitrag wurde zuerst auf JoBos Blog veröffentlicht, am 27. Februar 2020.

 

 

6 Comments

  1. Ein wunderbarer Kommentar zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Selbstbestimmungsrecht von Suizidwilligen. Klar wird hier der Kern des Problems erfaßt, daß da, wo Freiheitsrechte gewährt werden, die Gefahr des Mißbrauchs virulent wird. Das erschreckendste Beispiel eines solchen Mißbrauchs erlebten wir ja in den USA und in vielen europäischen Ländern, in denen Rechtspopulisten, ja gar Donald Trump gewählt wurden und werden. Wähler wählen etwas, was sie wirklich nicht wollen, aber (durch unkontrollierte Medien, wie facebook und andere) manipuliert wählen. Diesem Umstand muß Abhilfe geschaffen werden, daß nämlich diese Falschwähler wieder wählen, was sie wirklich wollen, die politisch korrekten Kandidaten. Dazu muß die desinformierende Manipulation durch eine tatkräftige Zensur solcher Falschmedien unterbunden werden.
    Das gilt auch so für den Freitod, denn der ihn erstrebt, will ihn gar nicht, er ist nur manipuliert. Wenn nun Uneinsichtige darauf insistieren, das zu wollen, was sie aber gar nicht wollen, ist es die vornehmste Aufgabe des Staates, sie an diesem Mißbrauch der Freiheit zu hindern.
    A) darf deshalb auf keinen Fall erlaubt werden, daß Menschen, die ihren Tod wollen, Hilfe zum Freitod gewährt wird. Da aber, solange der Freitod eine strafrechtlich erlaubte Handlung ist und demzufolge auch eine Beihilfe zu einer erlaubten Handlung keine unerlaubte sein kann, wie das Bundesgericht völlig zu recht urteilte, muß B) der Freitod wieder unter Strafe gestellt werden, so daß dann auch der versuchte Selbstmord und jede Beihilfe zum Selbstmord zu bestrafen ist.
    Das Selbstbestimmungsrecht besagt nämlich nur, daß jeder das Recht hat, sich richtig selbst zu bestimmen und schließt so nicht das „Recht“ zur falschen Selbstbestimmung ein. Die Würde des Menschen verlangt so, daß eine Freiheit zum Mißbrauch ausgeschlossen werden muß. So konsumieren heute noch viele Unmengen von Fleisch und schädigen so die Umwelt. Hier sollte dann auch die gute Idee der „Grünen“ aufgenommen werden, den Fleischkonsum an bestimmten Tagen zu verbieten, denn auch dieser maßlose Konsum ist ja nur die Folge von manipulierten Konsumenten, die so etwas wollen, was sie nicht wollen.
    Am besten ist es um die Freiheit bestellt, wenn der Staat jeden Mißbrauch der Freiheit unterbindet. Die Einsichtigen werden das begrüßen, denn so werden effektiv alle davor geschützt, etwas zu wollen, was sie nicht und nur manipuliert wollen.

    • „Die Abschaffung der Sklaverei etwa konnte nur gelingen, weil sich Christen vor dem Hintergrund des christlichen Menschenbildes für die Freiheit des Menschen einsetzten.“

      Das ist eine kühne Behauptung, die belegt werden sollte. Dem folgenden Link lässt sich genau das Gegenteil entnehmen, wobei Hans Joas auch schreibt: „Und keine Tradition des säkularen Humanismus ist gegen diese oder ähnliche Verfehlungen gefeit (gewesen).“
      https://www.bpb.de/apuz/216474/zur-rechtfertigung-der-sklaverei

      Und in Übereinstimmung mit: „Das ist naheliegend, denn warum sollte ein kranker Mensch über sein Leben verfügen dürfen, ein nicht-kranker Mensch hingegen nicht?“, aber sehr wohl unterscheidend, dass eine gewünschte Hilfe im Sterbeprozess etwas völlig anderes ist, als eine Mitbeteiligung zur Selbsttötung zu anderen Zeiten und Gründen. Das erscheint mir zumindest völlig klar.

      • „Kühne Behauptung – Beleg“. Gar so kühn wohl nicht… Zur Thematik Christentum und Abschaffung der Sklaverei empfehle ich den vor kurzem in deutscher Übersetzung erschienenen Text von Rodney Stark: Der Sieg des Abendlandes. Siehe https://www.manuscriptum.de/der-sieg-des-abendlandes-christentum-und-kapitalistische-freiheit.html

        • Religiöser Pluralismus und Toleranz in Europa also als Merkmal christlicher Tradition, die sich des antiken Erbes entledigt und erst über die glücklichen Umstände der arabischen Kultur Europa wieder zugeführt wurde. Auffallend allerdings, wie selten man darüber innerkirchlich liest; als ob die Aufklärung und Säkularisierung ein christliches Projekt gewesen wäre.
          Entweder man sucht ausschließlich die Belege, die den eigenen Standpunkt stützen oder verfolgt den kritischen Ansatz, was dagegen spricht. Letzteres halte ich für die wissenschaftliche Methode, ersteres für die religiöse.

  2. „Die Abschaffung der Sklaverei etwa konnte nur gelingen, weil sich Christen vor dem Hintergrund des christlichen Menschenbildes für die Freiheit des Menschen einsetzten.“

    Sie haben Recht, Herr Laudenberg, diese These sollte man begründen. Ich tue das gerne.

    Die Befreiung von der innerlichen Sklaverei der Sünde durch die Wahrheit (also: durch Jesus Christus) und die Abschaffung der Sklaverei als äußerliches Phänomen des Rechts- und Wirtschaftssystems gehören ganz eng zusammen. Das ist systematisch einsichtig: Wer die Sklaverei abschaffen will, muss zunächst von der Sünde befreien, die die Sklavenhalter gefangen hält. Sie sind gebunden an Gier und Geld, an Markt und Macht. Wenn diese Fesseln erst mal gelöst sind, kann ein Umdenken beginnen, das zur Ächtung von Sklaverei führt. Der Zusammenhang lässt sich aber auch historisch nachweisen.

    Arnold Angenendt erinnert an die Rolle der „englischen und amerikanischen Dissenters, die ihre Länder zunächst für ein Verbot des Sklavenhandels und dann auch des Sklavenbesitzes zu mobilisieren vermochten“ (Angenendt: Toleranz und Gewalt, S. 224). Sie beriefen sich nicht auf politische Revolutionen, sondern auf die Revolution schlechthin: „den durch Christi Sühneblut bewirkten Loskauf“ (ebd.), die Erlösung des Menschen, die zur Befreiung aller Menschen motiviert. Die Aufklärung schließlich entwickelte zur Sklavenfrage „keine eigenen Positionen, sondern übernahm allmählich die Positionen der Quäker und Evangelikalen“ (Egon Flaig, zit. nach Angenendt: Toleranz und Gewalt, S. 222 f.). Ansonsten kann man in der Sklavenfrage mit Delacampagne von der „Gleichgültigkeit der Humanisten“ und dem „Schweigen der Philosophen“ sprechen, die sich höchstens, so Robin Blackburn, zu Wort meldeten, um die religiösen Begründungen der Sklaverei durch pseudowissenschaftliche Versuche „rassischer Anthropologie“ zu ersetzen (Angenendt: Toleranz und Gewalt, S. 223). Im aufgeklärten 18. Jahrhundert dachten „nur wenige“ der führenden Denker und Lenker „an eine restlose Abschaffung der Sklaverei“ (Barbara Stolberg-Rillinger: Europa im Jahrhundert der Aufklärung. Stuttgart 2000, S. 276). Das deckt sich im Ergebnis mit ihrem Joas-Zitat, wenn dieses auch mit etwas anderem Spin daherkommt.

    Entscheidend ist: Es waren damals nicht die vielgerühmten Denker der Aufklärung, sondern einfache, fromme Christen, die den Impuls gaben, die Sklaven zu befreien. Die „einzig im Christentum eingeleitete Abschaffung der Sklaverei“ (nur im Christentum sei sie überhaupt zum „religiösen Problem“ geworden) verdanke sich , so Angenendt mit McKivigan, „mehr christlichen Prinzipien als christlichen Institutionen“ (Angenendt: Toleranz und Gewalt, S. 226). Denn: Während die Evangelikalen in den USA die befreiende Botschaft des Christentums aufnahmen, um sie politisch umzusetzen, blieben die Päpste in der Sklavenfrage lange bei ihrer moraltheologischen Zurückhaltung und sprachen sich erst im 19. Jahrhundert entschieden gegen die Sklaverei aus, als die nordamerikanischen Christen längst die Pionierarbeit geleistet hatten.

    Also: Nur im Christentum wird Sklaverei überhaupt zum moralischen Problem, einzig die Christenheit leitete folgerichtig ihre Abschaffung ein. Während die großen Philosophen der Aufklärung die Sklaverei noch im späten 18. Jahrhundert mit rassistischen Argumenten rechtfertigten, hatte das Wirken von Christen in Nordamerika längst zur Ächtung von Sklavenhandel und Sklavenbesitz beigetragen. Sie setzten sich für die Würde und Freiheit der Sklaven ein, weil sie in der christlichen Botschaft von der Erlösung des Menschen durch den Sühnetod Christi das Motiv für die Befreiung aller Menschen entdeckten. Die Christenheit sorgte damals ganz konkret dafür, dass es Freiheit für alle Menschen gibt, weil alle Menschen als Ebenbilder Gottes die gleiche Würde haben – ungeachtet ihrer Herkunft und Hautfarbe, weil alle Menschen von Christus „zur Freiheit befreit“ wurden (vgl. Gal 5, 1).

    Das Ende der Sklaverei hängt also eher mit christlichen Prinzipien als mit kirchlichen Institutionen zusammen (oder gar mit der Aufklärungsphilosophie – die hat sich in dem Kontext nun wirklich nicht mit Ruhm bekleckert). Tatsächlich kann man den Freiheitsdiskurs von zwei Seiten betrachten – einerseits in einer langfristigen ideengeschichtlichen Perspektive, andererseits in einer kurzfristigen rechtshistorischen Sicht. Langfristig war die Triebkraft des Christentums entscheidend, damit die Idee der Freiheit aus dem Gedanken der geschöpflichen Würde des Menschen und als Ausdruck der besonderen Stellung, die der menschlichen Person durch die befreiende Botschaft des Evangeliums Jesu Christi zukommt, Gestalt annehmen konnte. Kurzfristig betrachtet hat die Kirche bei der rechtsverbindlichen Umsetzung von Freiheitsrechten im 19. Jahrundert gebremst. Das sei zugestanden, ist aber ein anderes Thema.

    Man kann es vielleicht so zusammenfassen: Ohne die Institution Kirche als politisch wirksamer Machtfaktor, als weltliche Repräsentation der Christenheit wäre die Idee der politischen Freiheit möglicherweise früher und flächendeckender umgesetzt worden, ohne Christentum hingegen wäre sie mit Sicherheit gar nicht erst entstanden. Tipp: Schauen Sie sich die Länder an, in denen heute die größte Unfreiheit herrscht. Sind das vom Christentum geprägte Gesellschaften? In Nordkorea? Im Iran? In China?

    Generell: Die Geschichte des Christentums in und der Einfluss des christlichen Glaubens auf Europa sind etwas vielschichtiger als „Daumen hoch“ oder „Daumen runter“. Auch „die“ Aufklärung ist alles andere als ein monolithischer Block in der Ideengeschichte, den man gegen „das“ Christentum stellen könnte. In Frankreich war sie dezidiert antiklerikal (wobei die Überhöhung der Vernunft in und kurz nach der Revolution durchaus quasireligiöse Züge entfaltete), das ist richtig, in Preußen aber sehr protestantisch-pietistisch geprägt.

    Und: Zur Methodik. Kritik ist keine Einbahnstraße. Kritisieren heißt unterscheiden. Nur das zu sehen, was das Christentum und die Kirche in ein schlechtes Licht rückt, ist alles, aber nicht „wissenschaftlich“.

    Mit herzlichen Grüßen,
    Josef Bordat

  3. Nicht, dass mir die Worte ausgegangen wären, aber ich hatte nach einiger Zeit keine Antwort mehr erwartet.

    Es wären nun so viele Felsbrocken zu beseitigen, dass es sich hier in der Kommentarform nicht sinnvoll durchführen lässt, denn allein die Basis ihrer Argumentation setzt bereits auf Prämissen auf, die nicht als hinterfragbar gesetzt sind, zudem in allem, was den Kern der Sache ausmacht, sich der Diskussion entzieht, da es sich um den (einzig) wahren Glauben handelt.

    Sie führen Arnold Angenendt ein, einen Theologe und Priester, der sicher nicht in seinem „Berufsbild“ die Grundlagen seiner eigenen Glaubensinhalte auf die Weise prüft und kritisiert, wie es diejenigen machen würden, die nicht mehr oder nie in diesem Umfeld gedanklich belastet waren. Jene, die es aus dem internen Bereich trotzdem gewagt haben, mussten sich entscheiden oder wurden entschieden! Da wäre ein gutes Beispiel sicher Hubertus Mynarek, ohne gleich Deschner zu nennen.

    Es macht eben einen großen Unterschied aus, wie man sich auf die Suche begibt, also was ich überhaupt finden will. Geht es mir also um Belege Pro oder Contra christlichen Einflusses auf die Sklaverei? Das Christentum ist als Größe geschichtlich sicher nicht auszublenden und es bleibt Spekulation, wie die Welt wohl aussähe, wenn es den Irrtum um Jesus (der zum Christus gemacht wurde) nicht gegeben und das Christentum unter Konstantin nicht zur Staatsreligion gemacht wurde.

    Das Christentum ist weitgehend ohne philosophische Grundlagen „gestartet“ und hat sich mehr oder weniger des Gedankengebäudes der antiken Weisen bedient und diese entsprechend eingebaut/angepasst. Insoweit auch Platon dann schon vorchristlich „beleuchtet“ wurde, denn seine Gedanken (die seiner Lehrer) waren quasi schon der Wegbereiter für Jesus (Platon = ohne Gott kein Glauben, folglich auch keine Moral).

    „Kein fremdes Recht auf den Leib!“, schrieb aber bereits Solon der Weise und leitete in Griechenland entsprechende Reformen ein, die von Kleisthenes 80 Jahre später entscheidend erweitert und in Gesetze von 507 v.u.Z. einflossen. Wo allerdings Fremde im „Sachenrecht“ als Sklaven behandelt wurden, da fehlte der Sinn für den Wert des Menschen, wie er sich mehr außerhalb als innerhalb der monotheistischen Religionen entwickeln konnte. Wie es sich mit der Sklaverei so verhielt, beispielhaft in einem Text verlinkt: https://www.deutschlandfunk.de/geschichte-der-sklaverei-unterdrueckung-im-namen-des.886.de.html?dram:article_id=415190

    Ihrem vorletzten Absatz kann ich zustimmen, denn die Verflechtung von Kirche, Staat und Volk und die Auswirkungen auf die Gesellschaft ist kaum in Einzelfragen allein hinreichend zu klären. Es gab sie also, die von Ihnen genannten innerkirchlichen Kritiker, aber diese haben nicht den Ausschlag in der Entwicklung gegeben und sind als Faktoren leicht aufzufinden, da darüber reichlich Forschungsmaterial vorliegt.

    Mit besten Grüßen
    Paul Laudenberg

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