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Enzyklopädische Schätze – Fundamente einer christlichen Wissenskultur in deutscher Sprache

Enzyklopädische Schätze – Fundamente einer christlichen Wissenskultur in deutscher Sprache

LOGBUCH II (1. Oktober 2019)

Von Michael Rieger.

Enzyklopädische Schätze? Ja, von diesen Schätzen gibt es nicht wenige! Doch nur einige können hier vorgestellt werden. Manchem kundigen, vielleicht auch älteren Leser sind sie wohlvertraut, während sie jüngeren Lesern eine neue Welt erschließen können, eine reiche Welt der Überlieferung und der Tradition.

Der Pattloch-Verlag (Aschaffenburg) bewies wahrlich einen langen Atem: 1956 begann man dort mit dem Projekt einer breit angelegten katholischen Enzyklopädie, als Buchreihe unter dem Titel Der Christ in der Welt, die dann bis zu ihrem Abschluss 1978 auf 129 Bände angewachsen war! Nimmt man die Bände in die Hand, fühlt man sich sofort an rowohlts deutsche enzyklopädie erinnert, die fast zeitgleich, ab 1955 startete.

Herausgegeben von Johannes Hirschmann (1908-81) bietet Der Christ in der Welt, unterteilt in 18 Themen-Reihen, ein Panorama der christlichen Welt und ihrer Geschichte in allen Facetten. Von den Reihen seien hier nur einige angeführt, etwa III. Wissen und Glauben, VI. Das Buch der Bücher, VIII. Das religiös-sittliche Leben, IX. Die Liturgie der Kirche, XI. Die Geschichte der Kirche oder XIV. Die christliche Literatur. Darin und darunter finden sich echte Preziosen, wie Unser Widersacher der Teufel (1962), Die Geschichte der Heiligen Messe (1956), Das Kirchenjahr (1960), die zweibändige Geschichte der frühchristlichen griechischen und lateinischen Literatur (1969) oder der Band Christliches Theater in Mittelalter und Neuzeit (1960). Zu den deutschen und französischen Autoren zählen prominente Namen wie Leo Scheffczyk, Alfons Kirchgässner oder Bernard De Vaulx. Wenn über manche Bände die Zeit auch hinweg gegangen ist – weder die Naturwissenschaften noch die Bibelforschung sind seither stehengeblieben – tut dies doch dem Unternehmen keinen Abbruch. Wer sich ein umfassendes Bild des Christentums machen möchte, findet hier profunde Einführungen und Darstellungen mit höchstem Anspruch.

Dann ist da natürlich das prominente Lexikon für Theologie und Kirche, das es gleich in drei Ausgaben gibt. Man muss genau hinsehen, welche Ausgabe man nutzt und besonders trifft diese leise Warnung auf die zweite, die Rahner-Ausgabe zu (die aller Ehren werten Walter Hoeres und Heinz-Lothar Barth haben meiner Ansicht nach alles Notwendige zu Rahner gesagt, weshalb ich hier nicht darauf zu sprechen komme). In den drei Auflagen zeigen sich ganz direkt die theologischen Entwicklungen im Katholizismus zwischen 1930 und 2000, also in der vorkonziliaren, konziliaren und nachkonziliaren Zeit. Hier zunächst die bibliographischen Angaben:

Lexikon für Theologie und Kirche, 1. Auflage. 10 Bände. Hrsg. von Michael Buchberger. Freiburg, Herder 1930-38.

Lexikon für Theologie und Kirche, 2. Auflage. 14 Bände. Hrsg. v. Josef Höfner/Karl Rahner. Freiburg, Herder 1957-68.

Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Auflage. 11 Bände. Hrsg. von Walter Kasper. Freiburg, Herder 1993-2001, Sonderausgaben 2003 und 2009.

Die Unterschiede sind teilweise fundamental – hat doch auch das Zweite Vatikanische Konzil bekanntermaßen zu erheblichen Verwerfungen geführt. Nehmen wir nur ein Beispiel. An der Wertung des sehr interessanten, gleichwohl nicht unproblematischen Werks Franz von Baaders wird eine deutliche Akzentverschiebung erkennbar. So lesen wir in der 1. Auflage, Band I, Spalte 881-882: „Baader ging vom Katholizismus aus und wollte im Grunde den kirchlichen Glaubenslehren treu bleiben, entfernte sich aber von Dogma und Kirche durch seinen Subjektivismus, seine theosophische Umdeutung von Dogmen, seine Darstellung vom Verhältnis zwischen Forschen und Glauben und seine Verwerfung des Papsttums; doch söhnte er sich auf dem Sterbebett durch Widerruf mit der Kirche aus.“ In der 3. Auflage, Band 1, Spalte 1328 heißt es hingegen: „Sein ganzheitliches Denken, die Idee vom Menschen als ‚talentiertem Christen‘ u.a. lassen den Denker der ‚Blitzworte‘ und verheirateten Laientheologen in manchem als Vorläufer neueren und doch traditionsverbundenen theologischen Denkens erscheinen.“ Im ersten Fall werden die Abweichungen von der Tradition, ja Baaders häretische Positionen deutlich betont; im zweiten Fall wird Baader demgegenüber als durchaus traditionsverbundener Vorläufer eines neueren theologischen Denkens gewertet. Eine derart gegensätzliche, ja sich widersprechende Wertung ist zwar aufgrund einer veränderten Forschungslage grundsätzlich immer möglich. Wesentlich ist aber, wie sich in dieser Umwertung (die hier nur stellvertretend für viele andere stehen kann) die Verschiebungen von katholischer Theologie und Kirche selbst abspiegeln. In seinem epochalen Wälzer 300 Jahre gläubige & ungläubige Theologie. Abriss und Aufbau (Stuttgart 2016) hält Georg May daher auch aus guten Gründen an dem traditionellen, insgesamt negativen Urteil fest (S. 266), wobei er die o.g. Kritikpunkte von 1930 in der Gegenwart wieder aufgreift: Baaders „theosophische Neigung ließ ihn den Glaubenssätzen der Kirche nicht gerecht werden. (…) Die von ihm geforderte Pluralität im Glauben bedeutet die Auflösung der Kirche als einer Glaubensgemeinschaft. (…) Er mißverstand die Lehrautorität als Zwang. (…) Mit seiner Vorliebe für die Synodalverfassung und das Gemeindeprinzip verrannte er sich vollends. Das Beispiel des Protestantismus hätte ihn eines Besseren belehren sollen.“ Bei zentralen Fragen, Positionen und Interpretationen ist es daher ratsam, nicht nur nach der jüngsten Version zu greifen, sondern stets alle drei Auflagen des Lexikons im Blick zu haben, miteinander zu vergleichen und sich ein eigenes Bild zu machen.

Es gibt aber nicht nur das Wort, sondern auch das Bild. Und darum hat sich das Lexikon der christlichen Ikonographie mehr als verdient gemacht, dessen acht Bände, wiederum bei Herder, zwischen 1968 und 1976 erschienen (begründet und herausgegeben von Engelbert Kirschbaum, nach dessen Tod 1970 fortgeführt von Wolfgang Braunfels). Ein Reprint ist 2015 bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (Darmstadt) herausgekommen. Die Bände 1 bis 4 sind der allgemeinen Ikonographie gewidmet, die Bände 5 bis 8 den Darstellungen der Heiligen. Dem Leser eröffnet sich hier eine unvergleichliche Bilderwelt, wenn der Eindruck auch leider dadurch geschmälert wird, dass die Reproduktion der Bilder sicherlich aus technischen und finanziellen Gründen in Schwarz-Weiß erfolgte. Die Originale muss man selbst aufsuchen! Schlagen wir beispielsweise den Band 3 auf, zeigen uns die Spalten 154 bis 233 zahllose Variationen und Typen der Darstellung Marias in der Kunstgeschichte, mit stolzen 44 reproduzierten Bildern. Man findet umfassende Informationen zu regionalen Besonderheiten (z.B. zum Marienbild in Russland) und kunstgeschichtlichen Entwicklungen (z.B. im Barock), die zu eigener weiterer Erforschung einladen. Wer in diese Bilderwelt eintauchen will, in die Darstellungen biblischer Themen oder der Heiligen, findet hier eine wertvolle, unverzichtbare Quelle.

Bleiben wir noch einen Moment bei Maria. Denn der deutschsprachige Raum besitzt ein ganz besonderes enzyklopädisches Werk, das Marienlexikon. Es wurde von Remigius Bäumer und Leo Scheffczyk in sechs Bänden herausgegeben, zwischen 1988 und 1994 im EOS Verlag St Ottilien. Maria wird gewissermaßen von A bis Z „durchbuchstabiert“, dargestellt und interpretiert: Da ist unter J das Jesuitentheater, in dem Maria in zahlreichen Stücken erscheint; unter P finden wir Paracelsus und dessen Beschäftigung mit Maria; unter S den Komponisten Alessandro Scarlatti und Informationen zu dessen Salve Regina. Orte, die mit Maria zu tun haben, Theologen, Philosophen und Künstler, die sich mit Maria beschäftigt haben – sämtliche Bezugnahmen auf Maria werden in diesem einzigartigen Lexikon auf rund 4300 Seiten von Hunderten von Forschern detailliert dargestellt, relevant nicht nur für Theologen, sondern gleichermaßen für Laien und Kulturwissenschaftler aller Art. Das Marienlexikon ist Mariologie auf allerhöchstem Niveau.

Ist das Marienlexikon einer biblischen Gestalt gewidmet, so dreht sich das von Cornelius Mayer herausgegebene Augustinus-Lexikon ganz und gar um die Person und das Werk des heiligen Kirchenvaters Augustinus im Ausklang der Antike. Dieses Lexikon ist ein Jahrhundertprojekt zahlreicher beteiligter Wissenschaftler, ein Werk, das noch im Erscheinen begriffen ist und zwar bei Schwabe & Co., Basel. 1200 Schlagwörter geben auf Deutsch, Französisch und Englisch Auskunft über Leben und Werk von Augustinus, seine Begriffe, seine Theologie, seine Schriften im einzelnen, über die regionalen und ideengeschichtlichen Zusammenhänge und Fragen der Rezeption. Welch eine Fundgrube des Wissens bietet sich hier dem Leser! Nur ein Beispiel: In Vol. 1, Fasc. 7/8, Spalten 969 bis 1010 finden sich alle Informationen zu einem der Hauptwerke des Augustinus, zum Gottesstaat (hier De Ciuitate Dei), Informationen zur Titelgebung, zum Anlass und zu den Umständen der Abfassung, zur Leserschaft, zu den Themen und Tendenzen des Textes, wir finden eine ausführliche Diskussion des Inhalts, Angaben zu Einflüssen anderer Autoren und zu weiteren Quellen, zu den Ausgaben des Werks und natürlich eine umfangreiche Bibliographie, um noch tiefer in die Materie einzusteigen. Der erste Band des Lexikons erschien in Teillieferungen 1986-94. Zwischen 1996 und 2002 wurde der zweite Band publiziert, gefolgt von Band 3 (2004-10) und 4 (2012-18). Das Lexikon wird auch digital realisiert, alles im Rahmen des Zentrums für Augustinus-Forschung an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Diese Enzyklopädie ist ein Denkmal für den herausragenden Kirchenvater, ein Nachschlagewerk zur Geschichte der Theologie, wie es kein zweites gibt.

Es sei noch hinzugefügt, dass die Gesamtausgabe der Werke des Augustinus in deutscher Sprache noch keineswegs vorliegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es bei Schöningh (Paderborn) den vielversprechenden Anlauf einer Deutschen Augustinusausgabe, im gleichen Verlag erscheinen heute nach und nach die Bände der Opera. Sie bieten, wissenschaftlich abgesichert und kommentiert, das lateinische Original und die deutsche Übersetzung.

Sind die bisher genannten Lexika die Arbeiten großer Autorenkollektive, so ist die Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters das opus magnum eines einzelnen – des heute kaum noch bekannten Freiherrn Ludwig von Pastor. Das Werk umfasst 22 Teilbände und erschien zuerst zwischen 1886 und 1933 im Herder Verlag, der auch eine Neuauflage herausgab (1955-61).

Die Darstellung wird mit Überlegungen zur literarischen Renaissance in Italien eingeleitet, setzt dann mit den Päpsten in Avignon ein (1305-76) und reicht schließlich bis 1799, endet also mit dem Tod Pius’ VI. in napoleonischer Gefangenschaft. Stets werden drei Aspekte besonders hervorgehoben, wenn die Rede auf dieses Unternehmen kommt: Erstens ist die dezidiert katholische, papsttreue Perspektive des Werks zu erwähnen; denn Ludwig von Pastor hat seine Papst-Geschichte, zweitens, nicht zufällig als Gegenentwurf zu Die römischen Päpste in den letzten vier Jahrhunderten (1834/1836) des protestantisch geprägten Leopold von Ranke konzipiert; und drittens hatte Pastor Möglichkeiten, die anderen Historikern vor ihm nicht gegeben waren, denn aufgrund sehr guter Kontakte zu den Päpsten selbst wurde ihm das päpstliche Geheim-Archiv zur Verfügung gestellt, woraus sich für ihn eine besondere Materiallage ergab.

Abschließend sei auf die Deutsche Thomas-Ausgabe hingewiesen, also auf die lateinisch-deutsche Ausgabe der Summa Theologica des Thomas von Aquin. Ihr enzyklopädischer Charakter ist von eigener Art. Sie war ursprünglich auf 36 Bände und zwei Zusatzbände angelegt. Begonnen wurde die Edition 1933 bei Pustet (Salzburg), fortgeführt wurde sie in Kooperation von Kerle (München/Heidelberg) und Styria (Graz/Wien/Köln). Doch ist die Ausgabe bis heute nicht abgeschlossen und das wird auch so bleiben. 2011 wurde bekannt gegeben, dass die Ausgabe mangels Rentabilität nicht zu Ende geführt wird. Die Bände 9, 16, 19, 33 und 34 sind daher nicht mehr erschienen.

Immerhin liegt mit den erschienenen Bänden ein beeindruckender Schatz der Theologie vor, mit wertvollen Anmerkungen und Kommentaren versehen, u.a. vom Hauptschriftleiter Pater Heinrich Maria Christmann O.P. oder von Otto Hermann Pesch, um nur zwei zu nennen. Das Werk selbst bedarf keiner Vorstellung. Es sei aber an Überlegungen von Walter Hoeres erinnert, der die thomistische Philosophie als „einen einzigen gigantischen Kommentar zu Plato und Aristoteles unter christlichen Vorzeichen“ bezeichnet hat. Diese „Entsprechungsbeziehung“ habe nichts weniger als „die Einheit der abendländischen Weltanschauung begründet“. Und so sei es kein Zufall, dass die Kirche die Lehre des Thomas „immer wieder als verbindlich“ vorgeschrieben hat. Doch eben damit ist es (schon längst) vorbei! Die Kirche habe sich „nach dem Abschied von Thomas von Aquin an jener Philosophie der Neuzeit und Gegenwart orientiert, die sich in wachsendem Maße auf die eigene Subjektivität, das innere Leben des eigenen Ich zurückzieht“. Wenn sich die Kirche der Gegenwart von Thomas von Aquin verabschiedet, ist dies doch ein Grund mehr, sich intensiv mit ihm auseinanderzusetzen.

Die hier kurz skizzierten Werke können und müssen über Jahre, ja Jahrzehnte studiert werden, sie bieten den Lesern unschätzbare Anregungen und Einsichten und besitzen die Kraft, als Kompass zu wirken, zur Orientierung in Zeiten größter Verwirrung und Verdrehung.

 

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Zum Autor: Michael Rieger ist promovierter Germanist und lebt in Hamburg. Zahlreiche Publikationen zur deutschen Literatur- und Geistesgeschichte. Seit 2012 betreut er das Reinhold Schneider Literaturforum. Bei Lepanto erschienen die Skizzen und Porträts „Wir gehen durch die Gegenwart wie durch eine Wüste.“ Auf den Spuren der Tradition in Philosophie und Literatur (2018).

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