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In die synodale Sackgasse – Zur Krise der Katholischen Kirche in Deutschland

In die synodale Sackgasse – Zur Krise der Katholischen Kirche in Deutschland

LOGBUCH III (2. Dezember 2019)

Von Michael Rieger.

„Man hat manchmal den Eindruck, die Kirche in Deutschland gleicht einer politischen Partei, die nach Mehrheitsmeinungen schielt und Wahlen gewinnen will.“ So der Pastoraltheologe Andreas Wollbold im Gespräch mit Markus Reder (welt & kirche #01, Beilage der Tagespost, 28.11.2019). „Deshalb passt man das eigene Parteiprogramm dem vermuteten Wählerwillen, Stimmungen und Mehrheitsmeinungen an. Für die Kirche ist das Selbstmord! Über das Glaubensgut kann man nicht abstimmen, über Wahrheit kann nicht die Mehrheit entscheiden.“

Dem kann man nur zustimmen. Die Kirche als Partei, als Apparat, als Gewerkschaft, die sich ganz dem Tageskampf, den scheinbar wesentlichen aktuellen Fragen und natürlich dem Klüngel verschrieben hat und darüber Gott zu vergessen droht.

Und die Funktionsträger scheinen nicht zu bemerken, dass ihnen die Gläubigen dabei weiter abhanden kommen, „wie andern Leuten ein Stock oder Hut“. Maximilian Lutz schreibt (Die Tagespost, 28.11.2019): „Es ist zu spüren, dass viele die Diskussionen über ‚Synodale Wege‘, ‚Viri probati‘ und Pachamamas schlicht leid sind.“ Wenn die Leute es aber leid sind, dann muß man ihnen die Themen nur umso länger um die Ohren hauen. Eben dieser von der Deutschen Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken eingeschlagene Synodale Weg, der zum gestrigen 1. Advent eröffnet wurde, ähnelt fatal den Mechanismen der Parteien, samt medialem Zirkus, in dem kein Platz für Gott ist. Wesentlicher scheint der Umstand, daß man sich ein eigenes, unendlich langweiliges Logo zugelegt hat, welches man sofort stolz der Presse präsentiert.

Kardinal Marx hat die Schwerpunkte des Synodalen Wegs schon früh benannt: „Geeignete Formate zur Klärung von Neuausrichtung und Veränderung werden wir in diesem Jahr bei der Vorbereitung des synodalen Prozesses suchen.“ Es wurden vier Foren verabredet, die jeweils einem Thema gewidmet sind: Es sind dies erstens das Thema Macht, Partizipation, Gewaltenteilung, zweitens die Thematik der Sexualmoral, drittens die Frage nach dem Zölibat bzw. der priesterlichen Lebensform und viertens die Frage nach der Bedeutung von Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche. Mit anderen Worten: Es sind eben jene Themen und Reformforderungen, die jahrein, jahraus von den Progressisten immer wieder dargeboten werden und deren Umsetzung auf eine völlige Verabschiedung von der bisherigen Kirche hinauslaufen würden.

Im Vorfeld hat sich der Papst bekanntlich kritisch dazu geäußert (zit. n. Vatican News): „Es ist Aufgabe dieses Prozesses, gerade in diesen Zeiten starker Fragmentierung und Polarisierung sicherzustellen, dass der Sensus Ecclesiae auch tatsächlich in jeder Entscheidung lebt, die wir treffen, und der alle Ebenen nährt und durchdringt. Es geht um das Leben und das Empfinden mit der Kirche und in der Kirche, das uns in nicht wenigen Situationen auch Leiden in der Kirche und an der Kirche verursachen wird. Die Weltkirche lebt in und aus den Teilkirchen, so wie die Teilkirchen in und aus der Weltkirche leben und erblühen; falls sie von der Weltkirche getrennt wären, würden sie sich schwächen, verderben und sterben. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, die Gemeinschaft mit dem ganzen Leib der Kirche immer lebendig und wirksam zu erhalten.“

Diese Worte stellten eine Warnung vor nationalen Alleingängen dar – aber eben den will offensichtlich die DBK. Deutliche Kritik äußerte dann Kardinal Brandmüller (siehe Die Tagespost, 25. Juli 2019): „Bislang weiß niemand, erstens, wie dieser gemeinsame Weg gegangen werden, und zweitens, wohin er überhaupt führen soll. Wenn man die Äußerungen einer Reihe von Bischöfen betrachtet, dann kann man wohl sagen, dass dieser ‚Synodale Weg‘ in die Katastrophe führt. Oder, wenn Rom dann am Ende dafür sorgen muss, dass die Kirche in Deutschland nicht aus der Einheit mit der Weltkirche ausschert, wie es ja in dem Brief des Papstes an das Gottesvolk in Deutschland steht, in eine gewaltige Frustration.“ Nachträgliche Korrekturen blieben oberflächlich, die „Nachjustierung, die es in Folge des Papstbriefes gegeben hat“, wirke „eher wie ein Feigenblatt“, so Andreas Wollbold.

Es besteht also eine erhebliche Spannung zwischen dem Sensus Ecclesiae, dem Sinn und der Verantwortung für die gesamte Kirche, und dem Versuch, im nationalen Alleingang Fakten zu schaffen, die dann von anderen Teilkirchen gegebenenfalls auch begrüßt werden, während andere sie ablehnen. Das wäre in der Tat eine fortgesetzte Art der Schwächung, des Verderbens und Sterbens der Kirche.

Blenden wir ein wenig zurück ins Jahr 1976. Da hat Erzbischof Marcel Lefebvre bereits einige verwandte Aspekte der Kritik formuliert und zwar ganz fundamental in Bezug auf das Verhältnis von Papst, Bischofskollegium und nationalen Bischofskonferenzen, im Hinblick auf die sogenannte Kollegialität, wie das Zweite Vatikanische Konzil sie gefaßt hat (siehe Ich klage das Konzil an. Stuttgart 2009, S. 30-31): „Dadurch würden in der Kirche nach und nach internationale oder nationale Kollegien an die Stelle der persönlichen Regierung eines einzelnen Hirten treten. Mehrere Väter haben von der Gefahr einer Verminderung der Gewalt des Papstes gesprochen und wir stimmen mit ihnen vollkommen überein. Aber wir sehen eine andere, womöglich noch größere Gefahr voraus: das fortschreitende und bedrohliche Verschwinden des wesentlichen Charakters der Bischöfe, der darin besteht, daß sie ‚wahre Hirten sind, deren jeder seine eigene, ihm anvertraute Herde auf Grund einer eigenen, unmittelbaren und in ihrer Ordnung vollkommenen Gewalt weidet und regiert.‘ Bald und unmerklich würden die nationalen Bischofskonferenzen mit ihren Kommissionen alle Herden weiden und regieren, so daß sich sowohl die Priester ihrerseits als auch die Gläubigen zwischen diese beiden Hirten gestellt finden würden: zwischen den Bischof, dessen Autorität eine theoretische wäre, und die Bischofskonferenz mit ihren Kommissionen, die in Wirklichkeit die Ausübung der Gewalt in der Hand hätte. Unser Herr wollte zweifellos die einzelnen Teilkirchen auf die Person ihres Hirten gründen (…). Das lehrt uns auch die gesamte Überlieferung der Kirche (…).“ Es gehe entsprechend darum, „die Gefahr auszuschließen, daß die Funkionen des Papstes und der Bischöfe Kollegien übertragen werden“.

Beide Aspekte bedingen einander: die Schwächung des Papstes durch die Bischöfe im Namen der Kollegialität und die Schwächung der Bischöfe, wiederum im Namen der Kollegialität, durch die Bischofskonferenzen und die Kommissionen. Diese Kritik aus dem Jahr 1976 läßt sich recht genau auf den sogenannten Synodalen Weg beziehen. Die Hirten haben sich bürokratischen Strukturen überlassen, es sind die „nationalen Bischofskonferenzen mit ihren Kommissionen“, die „alle Herden weiden und regieren“, es sind die Kommissionen und Konferenzen und Pressemitteilungen, in denen darüber entschieden wird, was die Wahrheit des Glaubens sein wird.

Karl-Heinz Menke beschreibt (welt & kirche #01, Beilage der Tagespost, 28.11.2019) im Unterschied dazu, wo „die Neuevangelisierung Deutschlands“ eigentlich ansetzen müsste: „Im Kern geht es um die Wiedergewinnung des sakramentalen Denkens.“ Wo aber sakramentales Denken herrschen sollte, regiert bürokratisches Denken, regieren Strukturdebatten und strategische Überlegungen. Man redet nicht über Gott, sondern über Verfahrensregeln und Verlautbarungen. Und wie bei den Parteien heißt es dann werbewirksam, in der Romantik des Aktionismus gehalten: „Jetzt mitmachen!“ Na, dann – los geht’s!

Die Deutsche Bischofskonferenz achtet nicht eben viel auf die kritischen Worte des Papstes, sondern beschreitet ihren eigenwilligen Synodalen Weg des Zeitgeistes, der somit weniger ein Weg der Erkenntnis sein dürfte, als vielmehr eine Sackgasse.

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