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Hans Blumenberg: Letzte Worte

Hans Blumenberg: Letzte Worte

LOGBUCH XI (25. Juni 2020) Von Uwe Wolff.

 

„…dass sie nicht umhin gekonnt hätte,
sich die Bibel an ihr Bett zu legen.“
Theodor Fontane: Der Stechlin (28. Kapitel)

 

Mit letzten Worten ist die Vorstellung von einer letzten Haltung, einer allerletzten Botschaft oder einer im letzten Atemzug vollzogenen Konversion verbunden. Zu den Sammlern letzter Worte gehörte Ernst Jünger. Er hatte sich bereits in den 1950er Jahren Postkarten mit Eintragungen drucken lassen: Autor – Letztes Wort – Quelle. Hans Blumenberg kannte diese Sammlung und kommentierte sie im Spätherbst seines Lebens. Diese Adnoten erschienen posthum unter dem Titel Der Mann vom Mond. Über Ernst Jünger (2007).

Wie Blumenberg besaß Jünger viel Humor und eine nie versiegende Liebe zum Wein. Zudem war der drahtige kleine Mann recht trinkstark. Der durchzechten Nacht mit Freunden folgte eine Art Poetry-Slam für letzte Worte. „Melde mich zur Stelle!“, empfahl der Sekretär Armin Mohler als Parole an der Zeitmauer. Jünger, damals noch im beinahe jugendlichen Alter von 55 Jahren, lehnte ab und schlug statt des militärischen  Kommandos vor: „Bitte vorbeitreten zu dürfen!“

In seiner Glosse Ein Zeckenbiß greift Hans Blumenberg einen anderen Kommentar des Uralten auf. Nach einem Zeckenbiss hatte „Bild“ (25. August 1993) ins Land posaunt: „Ernst Jünger (98): Herzinfarkt. Ein Jahrhundert-Mann kämpft mit dem Tod. Der umstrittene, aber fast geniale Schriftsteller Ernst Jünger erlitt einen Herzinfarkt! Ein großer Deutscher liegt im Sterben.“ Auf diese von Rolf Hochhuth in die Welt gesetzte Falschmeldung reagierte Jünger: „Von denen muß ich mich ja nicht gerade beerdigen lassen.“

Der Kommentar hätte gut in Jüngers Sammlung letzter Worte gepasst, meinte Blumenberg, als er die Anekdote nach der Rekonvaleszenz aus einer sehr schweren gesundheitlichen Krise kommentierte. Er war der Zeitmauer sehr nahe gekommen, konnte jedoch kein letztes Wort von dieser Stelle berichten. Nun war er selbst in ein Alter gekommen, wo vorletzte Fragen wie die Durchführung der Beisetzung geklärt werden wollen. Er entschied sich für die Seebestattung.

Hans Blumenberg war zeitlebens ein sehr aufmerksamer Leser der Bibel. Als er 1988 seine Exerzitien unter dem Titel Matthäuspassion veröffentlichte, war der Emeritus 68 Jahre alt. Er meditierte über die letzten Worte Jesu und lotete mit seinem descensus ad inferos den Abgrund des Karsamstags aus.

Eher spielerisch hatte er ein Jahr zuvor in Die Sorge geht über den Fluß (1987) einen Wettbewerb über ein anderes letztes Wort ausgerufen: „Ich würde gern wissen, was man im nächsten Jahrtausend über den Tod und die ‚letzten Worte‘ Heideggers und seiner Anhänger berichten wird, und hielte einen Wettbewerb für unbedenklich, der Vorschläge an die Tradition weiterzureichen hätte.“

Er nähme es „gern aus privater Indiskretion, habe es aber nicht“, gesteht Blumenberg. Was könnte der sterbende Heidegger gesagt haben? Blumenbergs „Wetteinsatz“ lautet: „Kein Grund mehr zur Sorge.“ Das klingt harmloser als es ist und forderte wohl deshalb den bekennenden Atheisten Walter Bröcker (19021992) heraus. Der hatte von Siegfried Bröse (18951984) ein letztes Wort des einstigen Hitlerverehrers übermittelt bekommen. Am Morgen des 26. Mai 1976 wollte Heidegger nicht aus dem Bett aufstehen. „Ich bleibe noch liegen“, erklärte er seiner Frau Elfride. Er wachte nicht mehr auf.

Für viele Menschen starb Heidegger einen idealen Tod: Alt und lebenssatt, nicht ernsthaft krank. Kein langes Leiden unter den Folgen eines Schlaganfalls, keine Herzbeschwerden, keine Lungenentzündung, keine schlaflosen Nächte. Wenn Heidegger wegen seiner Affären und Affinitäten einen Grund zur Sorge gehabt hätte, so hatte er ihn nicht mehr.

Neben dem verstorbenen Hans Blumenberg lag eine Ausgabe des Neuen Testaments in der Übersetzung von Carl von Weizsäcker (18221899). Vielleicht gab es ein letztes Wort. Einen Segen. Ein „Gott schütze…“. Ein letztes Gebet. Ein Amen und Dank. Wir wissen es nicht. Wüßten wir es, hätten wir zu schweigen. Denn echte letzte Worte gehen niemanden etwas an. Nur Gott allein.

Aber es gab bewusst gewählte letzte Botschaften. Die Heinrich Heine-Ausgabe sichtbar platziert auf einem Stapel alter Zeitungen neben dem Schreibtisch. Nur der Empfänger verstand dieses Zeichen zu lesen. Auf der Todesanzeige stand der 28. März 1996 als Datum. Am 28. März 1942 wurde Blumenbergs Elternhaus von britischen Bombern in Schutt und Asche gebombt. Die umfangreiche theologische Bibliothek verbrannte. Bimbo, der kleine schwarze Terrier seiner Mutter wurde verschüttet und starb. Dass Hans Blumenberg an diesem schwarzen Tag gestorben sei, stimmt nachdenklich. Kann das ein Zufall sein? „Kann man das ausdenken? Diese Doppeldeutigkeit“, fragt Blumenberg in Letztes Wort. War das Todesdatum etwa eine Sinnstiftung? Eine Legende?

In seinem Nietzsche-Buch hatte Ernst Bertram über die Legende als lebendigste Form geschichtlicher Überlieferung geschrieben. „Was als Geschichte übrig bleibt, von allem Geschehen, ist immer zuletzt das Wort ganz ohne kirchliche, romantische oder gar romanhafte Obertöne genommen die Legende. Die Legende in solchem entkirchlichten Sinne ist die lebendigste Form geschichtlicher Überlieferung.“

Hans Blumenbergs Asche wurde nicht in der Lübecker Bucht vor Travemünde oder Niendorf versenkt, sondern in der Kieler Bucht vor Laboe. Auch hier ließe sich besonders unter jenen Lübeckern, die Hans Blumenberg zu Lebzeiten gerne in ihre Arme geschlossen hätten, spekulieren. Blieb er über den Tod hinaus unversöhnt mit seiner Vaterstadt?

Als Meister Bashô auf dem Sterbelager lag, baten ihn seine Schüler um ein Jisei. Japans größter Haiku-Dichter sagte: Sie mögen alle seine Gedichte als Sterbegedichte nehmen. Hans Blumenberg hätte diese Antwort eines Sterbenden gefallen. Dennoch gibt es unter den vielen letzten Worten die allerletzten, die Hans Blumenberg wenige Tage vor seinem Tod ausgewählt hatte.

„Letzte Worte werden von den anderen überliefert, die sie gehört haben oder gehört haben wollen“, schreibt Blumenberg in Das eine letzte Wort. Um alle möglichen Falschmeldungen auszuschließen, wählte der Meister der indirekten Mitteilung den einzig sicheren Weg der Mitteilung seiner letzten Worte.

Am 7. März 1996 brachte die Deutsche Bundespost eine Gedenkmarke zum 50. Todestag des Löwen von Münster heraus. Hans Blumenberg hatte einst an der Seite seines Vaters die Bischofsweihe (28. Oktober 1933) miterlebt. Später, in seinen Münsteraner Jahren, hatte Hans Blumenberg vom Fenster seines Arbeitszimmers aus einen direkten Blick auf den Dom mit der Grablege des Kardinals von Galen.

Der bischöfliche Wahlspruch lautete: „Nec laudibus, nec timore“. Dieser Spruch stand neben einem Portrait des Kardinals auf der Sondermarke. Hans Blumenberg war nicht nur ein Sammler von Briefmarken, er wählte sehr bewusst bestimmte Marken zur Frankierung seiner Post. So war es gewiss kein Zufall, dass die Umschläge mit der Traueranzeige für Hans Blumenberg mit der Sondermarke für Kardinal von Galen frankiert wurden. Auf ihr standen als letzte Worte des Philosophen „Nec laudibus nec timore“.

Das Grab des Kardinals befindet sich hinter dem Altar des Paulus-Domes. Hier erinnert eine Gedenktafel an den Besuch des Heiligen Johannes Paul II. Der polnische Papst zündete eine Kerze an und kniete nieder zum Gebet. Ich denke, Hans Blumenberg hätte nichts dagegen, wenn der Besucher an dieser Stelle auch eine Kerze zu seinem Gedenken opferte.

 

 

Der Autor ist Kulturwissenschaftler, Schriftsteller und Theologe. Im März 2020 veröffentlichte er die „Erinnerungen an Hans Blumenberg“ Der Schreibtisch des Philosophen (Claudius-Verlag, München).

Foto: AissaReddam / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0).

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