Lepanto Verlag Katholischer Verlag für Theologie und Philosophie
Der neue Mensch als – vergessene? – Aufgabe.  Ein Beitrag zum Ende der Moderne

Der neue Mensch als – vergessene? – Aufgabe. Ein Beitrag zum Ende der Moderne

LOGBUCH V (7. Februar 2020) Von Uwe C. Lay.

„Aufgabe des Menschen“ – das ist eine vieldeutige Aussage. Meint es, eine oder die Aufgabe für den Menschen, eine Aufgabe, die er sich stellt bzw. die er gestellt bekommt – oder soll der Mensch sich aufgeben, soll er aufgegeben werden? Ist der neue Mensch in diesem doppelten Sinne das Ziel der Aufgabe des Menschen?

Der „neue Mensch“ ist zunächst einmal ein christlicher Begriff, wenn darunter verstanden wird, daß der Christ sein altes Gewand des Adams ablegen und sein neues in Christo anziehen soll. Eschatologisch wird sein alter, zur Sterblichkeit bestimmter Leib verklärt werden zu einem nicht mehr der Sterblichkeit unterworfenen Leib. 

Eine wesentliche Voraussetzung für diesen ganzen Vorstellungskomplex ist, daß der Mensch, so wie er ist, nicht in Ordnung ist. Der Mythos vom Sündenfall Adams und Evas ist dafür die gewichtigste Erklärung, daß der Mensch auf Erden sich immer schon als irgendwie verfehlt und von sich entfremdet vorkommt, daß er sich, eben geboren, schon zum Sterbenmüssen verurteilt weiß, daß ihm dieses Schicksal als etwas Widernatürliches erscheint. Gerade die populäre Vorstellung vom Sensenmann als dem Bringer des Todes zeigt das ja an, daß der Tod als etwas extern Gewirktes erscheint, daß er nicht aus dem Leben kommt, als irgendein Keim des Todes im Leben angelegt, sondern der Tod nimmt dem Menschen sein Leben in der Gestalt des Sensenmanns.  

Ist nun aber die Aussage, daß der Mensch, so wie er sich selbst vorfindet, nicht in Ordnung ist, entfremdet von sich selbst lebend, selbst schon eine religiöse Aussage, oder ist die Religion eine Antwort auf eine solche vorreligiöse Selbstwahrnehmung? Es könnte gesagt werden, daß das Gesetz Gottes im Gewissen des Menschen präsent, die Erfahrung hervorbringt, daß der Mensch dem Gesetz Gottes, das er bejaht, nicht Genüge tun kann und so sich als Erlösungsbedürftiger erfährt. So die Konzeption Paulus im Römerbrief. Der neue Mensch ist dann der aus dem Heiligen Geist Lebende, der so den Alten Adam hinter sich läßt. 

Der neue Mensch im Glauben ist so die Aufgabe der christlichen Existenz, die ihren Anfang in der Taufe hat. Nur kann es schwerlich bestritten werden, daß jetzt, 2020 Jahre nach der Geburt des Erlösers von diesem „neuen Menschen“ im Glauben wenig zu bemerken ist, abgesehen von den wenigen Heiligen. Oberflächlich betrachtet ist auch der Mensch der christlichen Religion eher dem Alten Adam treu geblieben. Das war sicher einer der Gründe, daß nun die Aufklärung das Projekt des neuen Menschen zu ihrer Aufgabe erklärte. Was die christliche Religion und die Kirche nicht schafften, das soll nun die aufklärerische Bildung hervorbringen, den vernünftig sein Leben gestaltenden Menschen. Das Pathos der aufklärerischen Philosophie wird so verkannt, sieht man in ihr primär nur die religionskritische Seite und nicht, daß sie die Religion (mit Hegel gesprochen) aufheben wollte, indem sie die Erlösungshoffnung, den verheißenden neuen Menschen nun als menschliche Aufgabe ansah. Das implizierte aber auch, daß der jetzige Mensch sich aufgeben sollte, um zum Vernunftmenschen sich zu bilden. Als dann dieses aufklärerische Bildungskonzept politisch wurde, da erwuchs daraus die politische Revolution der Vernunft, die Französische und später die Russische Revolution. Der Glaube an die Möglichkeit des neuen Menschen beflügelte so die französischen wie die russischen Revolutionäre. In der Postmoderne wurde dieser Revolutionstraum dann desillusioniert ad acta gelegt – ad acta gelegt, ist aber auch die christliche Verheißung des neuen Menschen. In der Postmoderne reduziert sich der christliche Gott auf das bloße Jasagen zum Menschen, so wie er ist. Er ist die bedingungslose Liebe, die den Alten Adam eben Alter Adam sein läßt, weil Gott ihn ja so, wie er ist, bejaht.

Was bleibt dann von der Aufgabe des Menschen, ein neuer Mensch zu werden? Die transhumanistische Bewegung nimmt nun diese Aufgabe in sehr eigentümlicher Weise wahr, indem sie das Konzept der Cyborgisierung des Menschen vertritt. Es paßt in unser materialistisch denkendes Zeitalter, daß der Mensch sich durch Technik perfektioniert, nein überwindet. Aber noch so gewagte Mensch-Technik-Synthesen erschaffen dem Menschen weder eine neue Seele noch ein neues Herz, so daß er doch auch als Cyborg der Alte Adam bleiben wird. 

Selbst Nietzsches Hoffnung auf den Übermenschen als Überwinder des Menschen lebt noch von der christlichen Verheißung des neuen Menschen. Was wird aber aus uns Menschen, wenn wir diese Aufgabe, uns zu überwinden, gar nicht mehr als Aufgabe annehmen wollen, weil wir noch so bleiben wollen, wie wir als Kinder Evas sind?

Wenn nun die Frage nach einem Spezificum des Abendlandes, der europäischen Kultur aufgeworfen wird, dann könnte respondiert werden, daß es das Projekt, die Aufgabe des neuen Menschen ist. Die Entwicklungsdynamik des Abendlandes generiert sich aus dem Hoffen auf den neuen Menschen. Selbst da noch, wo die christliche Religion aufgegeben wurde, bei Feuerbach und Marx, aber auch bei Nietzsche wurde an dem Projekt des neuen Menschen nicht nur festgehalten, vielmehr sollte die christlich religiöse Gestalt aufgelöst werden, um diese Aufgabe zu realisieren als humanistisches oder revolutionär politisches Programm oder als ein Züchtungsprogramm (vgl. dazu Peter Sloterdijks Regeln für den Menschenpark). Der „Untergang des Abendlandes“ wäre dann die Aufgabe dieser Aufgabe in der Postmoderne. Das heißt nun aber auch, daß die Empfindung, daß wir Menschen nicht so sind, wir wir eigentlich sein wollten, daß der Gedanke des von Sich-Entfremdetseins aufgegeben wird. Wir sind nur noch das, was wir sind, ohne eine Aufgabe.

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.