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Christine Busta – Dichterin der Verklärung

Christine Busta – Dichterin der Verklärung

LOGBUCH XII (15. Juli 2020) Von Daniel Zöllner.

Häufig ist die neuere Literatur nur eine Spiegelung der Sinnlosigkeit moderner Existenz. Wer in dieser Literatur nach Trost oder Stärkung sucht, wird belächelt. Man solle doch zu einem Priester oder Psychotherapeuten gehen, statt Romane oder Gedichte zu lesen, heißt es dann. Doch gibt es nicht auch in der neueren Literatur Werke, die dem aufgeschlossenen Leser Trost und Stärkung vermitteln? Die folgenden Betrachtungen geben hierfür ein Beispiel.

Die Lyrik der katholischen Dichterin Christine Busta (1915–1987) war bereits zu ihren Lebzeiten einem Vorwurf ausgesetzt. Busta wurde als „Dichterin einer heilen Welt“ abgestempelt (ein Vorwurf, der dem des „Kitsches“ und der „Sentimentalität“ verwandt ist). Dagegen verwahrt sie sich in dem posthum veröffentlichten Gedicht Erklärung gegen ein Mißverständnis (in Der Himmel im Kastanienbaum, S. 19). Man kann außerdem heute Anstoß nehmen an Aspekten von Bustas Biografie, die erst in jüngerer Zeit zutage getreten sind, an Bustas Verstrickung in das nationalsozialistische Regime. Ein 2013 abgeschlossenes Forschungsprojekt des Brenner-Archivs zu Christine Busta behauptet, dass „diese Art der Dichtung, die erst seit dem Projekt als Dichtung einer Mitläuferin zu lesen ist, auch als Handreichung zur Exkulpation rezipiert werden konnte“ – und möchte unter anderem auf diese Weise den Erfolg der Dichterin in den 1950er und 1960er Jahren erklären. Ein weiteres Forschungsprojekt könnte Busta vielleicht von diesen Vorwürfen entlasten. Es könnte erweisen, dass Busta weder einer „heilen Welt“ noch einer „Exkulpation“ das Wort redete, sondern dass Chaos, Schmerz und Schuld stets in ihren Gedichten präsent sind. Dass sie sich aber niemals mit dem Blick in diese Abgründe zufrieden gab, sondern versuchte, ihnen Liebe und die Möglichkeit der Vergebung entgegenzusetzen.

Doch hier wird nicht die objektive Herangehensweise der Literaturwissenschaft angestrebt. Bustas Werk wird vielmehr in der Wüste der Gegenwart nach Wegzehrung durchsucht. Ich bin – das sei offen gesagt – bei dieser Suche in Bustas Gedichten immer wieder fündig geworden. Dabei las ich diese Gedichte, wie es einem Aphorismus von Nicolás Gómez Dávila entspricht: „Der wahre Leser klammert sich an den Text, den er liest, wie ein Schiffbrüchiger an eine vorbeitreibende Planke.“ Oft ist Lyrik nur Luxus, ein Sahnehäubchen oder ein Nachtisch. Doch Lyrik kann auch Grundnahrungsmittel und Lebenselixier sein. Sie kann jenen „Mut zum Sein“ zum Ausdruck bringen und im Leser wecken, von dem der Theologe Paul Tillich sprach: Widerstandskraft gegen die verschiedenen Erscheinungsweisen des Negativen.

Aus manchen Gedichten Bustas geht hervor, dass sie selbst ihre Lyrik unter anderem als Wegzehrung und Trost für die Leser verfasste – natürlich nicht als billigen Trost, sondern als menschliches Dialogangebot: „Manchmal ist ein Gedicht / eine schüchterne Hand, / die sich im Dunkeln zu einem / Nächsten hin ausstreckt“ (siehe Wenn du das Wappen der Liebe malst, S. 8). Dieser Dialog mit dem Nächsten nimmt mitunter die Formen von Appell und Predigt an, kann aber auch Bekenntnis, Aufschrei und vieles Weitere sein. Das angesprochene Du ist fast immer präsent und vom Du des Gebetes, mit dem Gott angerufen wird, häufig kaum zu unterscheiden. In Bustas Werk gibt es ein wiederkehrendes Bild der Widerstandskraft gegen das Negative: die Sonnenblume. Von ihr möchte die Dichterin lernen – lernen, „wie ich Dir mein Gesicht / zuwende“ (in Wenn du das Wappen der Liebe malst, S. 7).

In der Erklärung gegen ein Mißverständnis heißt es: „Ich fürchte das Unabwendbare / und liebe – trotzdem.“ Jenes „Trotzdem“ ist ein (nicht unbedingt explizit genanntes) Grundwort in Bustas Dichtung. „Das Unabwendbare“ ist die Macht des Negativen, die unvermeidliche und irreparable Verwundung des Wirklichen und seine letztliche Vernichtung. Im Glauben an die Auferstehung lässt sich trotzdem hoffen. Auferstehung bedeutet Verwandlung des Wirklichen. „Verwandlung“ ist das zweite Grundwort von Bustas Dichtung. Die Hoffnung auf Verwandlung gibt dem Menschen Kraft, dem Negativen zu widerstehen – eine Kraft, die sich erstens in einer neuen Wahrnehmung der Welt ebenso bewährt wie erneuert. Zweitens zeigt sich diese Widerstandskraft in der Fähigkeit zu lieben. Mit diesen Stichworten ist der weitere Gang dieser Betrachtungen vorgezeichnet.

Der Blick auf die Welt zeigt zunächst die Macht des Negativen, in der Gegenwart besonders als nihilistische Erfahrung der Sinnlosigkeit des Lebens. Mit der Lakonie, die für ihr späteres Schaffen typisch ist, schreibt Busta: „Das Brot und das Wort / sind Kleingeld geworden, / Vergeudung die Mythen, die Utopien. / Wir beten um / tägliche Abfallkübel.“ So heißt es in den Salzgärten (S. 33). Aber das Negative erscheint nicht nur als Sinnlosigkeit, sondern auch als destruktive Macht. In einem Gebets-Gedicht (siehe Unterwegs zu älteren Feuern, S. 80) wird Gott um Beistand gegen die Zerstörung angerufen: „Während die Brandung wächst und der Sturm an die Mauern donnert, / letzter Beistand wider die Nacht, die draußen / lauert, weiß wie Leviathans Rachen von Schnee …“

Die Erfahrung der Sinnlosigkeit und die Mächte der Zerstörung verängstigen und verwunden den Menschen. Darauf kann er nun auf zwei gegensätzliche Arten reagieren: mit Ergebung oder mit Widerstand. Das posthum veröffentlichte Gedicht Im Widerspruch stellt diese Reaktionsweisen einander gegenüber. Über die Möglichkeit des Widerstands heißt es (Der Atem des Wortes, S. 95): „Auflehnung ist das Menschengemäße / als letzter Liebesversuch / wider die Unabdingbarkeit / des Entsetzens.“ Nicht alle Gedichte Bustas wählen die Option der Auflehnung. Manche ergeben sich in das Unabwendbare. Stets aber bleibt diese Lyrik dialogisch, sucht den Weg zum Nächsten und zu Gott. Stets bleibt die Schöpferkraft und die Fantasie der Dichterin Ausdruck eines beharrlichen „Trotzdem“.

In dem autobiografischen Prosatext Die Farben der Kindheit (in Das andere Schaf) berichtet Busta, wie für sie als Kind das Spiel mit einer grünen Decke einen Ausweg aus Armut und Einsamkeit bot. „Und sie verwandelte sich, wurde Gras und Moos, darein ich mich heiter bettete.“ Diese Art der Verwandlung durch die Fantasie ist ein Grundmotiv von Bustas Dichtung. Sie ist als Analogie zur Verwandlung durch die Auferstehung zu sehen. Die Erfahrung des Negativen erzeugt im Menschen die Sehnsucht nach dieser Verwandlung. Bustas erster Gedichtband, Der Regenbaum aus dem Jahr 1952, beginnt (nach einem Widmungsgedicht) mit dem Gedicht Verwandlung. Man kann dieses Gedicht als Naturbeschreibung lesen, als Schilderung des Aufklarens und der durchbrechenden Sonnenstrahlen nach einem längeren Regenschauer. Seelisch entspricht diesem Ereignis ein Übergang von der Schwermut zur Freude. Doch mit ebenso großem Recht findet der Leser in diesem Gedicht die Verwandlung der Welt durch die Fantasie des Menschen und durch Gottes Neuschöpfung. Ein Gedicht gleichen Titels findet man in dem späteren Band Inmitten aller Vergänglichkeit (S. 7). Hier ist es die Liebe, durch welche die Dichterin verwandelt wird. Bevor ich auf dieses Thema eingehe, ist zunächst von der neuen Wahrnehmung der Welt zu sprechen, welche die Hoffnung dem Menschen ermöglicht.

Diese neue Wahrnehmung ist eine selbst schon verwandelte, eine ursprüngliche Wahrnehmung ohne Schablonen und Klischees. Dabei sieht die Dichterin, als sähe sie etwas zum ersten Mal, als sei sie der erste Mensch, Zeuge der Schöpfung der Welt und ihrer Neuschöpfung im Wort. Tiere und Pflanzen sind immer wieder Anlass zu dieser neuen Wahrnehmung, etwa in der überraschenden Begegnung mit einem Reiher, wie sie sich in Der Atem des Wortes (S. 16) findet: „Kaum drei Schritte entfernt stand er plötzlich vor mir / und starrte mich gelbäugig, reglos an, / einen zuckenden Frosch im Schnabel. // Da spürte ich erst, daß der Boden unter / meinen Füßen schon glucksend nachgab.“ Oder beim Anblick einer Wasseramsel (in Unterwegs zu älteren Feuern, S. 7): „Nur einmal / hat die Wasseramsel sich gezeigt. / Es strahlte / das Weiß an ihrer Brust.“ Diese Wahrnehmungen vertreiben die Sinnlosigkeit und den Überdruss, sie beleben und erneuern den Menschen. Aus dem Quell einer neu entdeckten Ursprünglichkeit wird er fähig, zu staunen und dem Negativen zu widerstehen – und nicht zuletzt auch zu lieben.

Liebe war Christine Bustas „Zentralwort für Leben und Werk“, wie Franz Peter Künzel in dem Gedichtband Der Himmel im Kastanienbaum (S. 35) anmerkt. Bustas Dichtung erschließt einen großen Facettenreichtum der Liebe. Den größten Raum nimmt die Liebe zwischen Mann und Frau ein, die wiederum in zahlreichen Metaphern, Spielarten und Emotionen gegenwärtig ist, vom Jubel der Vereinigung bis zum Schmerz der Trennung. Das Gedicht Auf den unteren Stufen zum Belvedere (vgl. Inmitten aller Vergänglichkeit, S. 65) stellt die Frage: „In wie vielen Liebenden waren wir schon, / in wie vielen werden wir noch sein?“ Wenn Busta von Liebe spricht, meint sie keinen Egoismus zu zweit. Die erotische Liebe eines Paares ist hier und jetzt durchdrungen von der Liebe aller Liebenden aller Zeiten und von der Liebe Gottes. In Unterwegs zu älteren Feuern (S. 72) fragt die Dichterin: „In uns bauen uralte / Himmel sich neu und leuchten, / also vollziehn wir noch immer / Botschaft des ersten Lichts. // Auch die Geduld unserer Liebe – / […] / wen wird sie einmal erreichen?“

Einen Höhepunkt erreicht die Liebesdichtung Bustas in dem Band Inmitten aller Vergänglichkeit, dessen autobiografischer Anlass und Hintergrund die Liebe zwischen der Dichterin und Franz Peter Künzel war. Hier sind ihr Gedichte gelungen, die in ihrer Schlichtheit berühren, die unmittelbar verständlich sind und dennoch tiefgründig. Zum Beispiel Heute: „Ich halte mein Gesicht / in die Sonne, / ich halte mein Gesicht / in den Wind. / Du bist die Sonne, der Wind. // Du wirst auch die Nacht sein, / die tröstliche, schöne – / der Schlaf, der wacht.“ Die früher entstandene Legende (in Lampe und Delphin, S. 38) ist für mich eines der schönsten Liebesgedichte deutscher Sprache.

Legende

Einmal waren wir Vögel:
wir flogen zusammen
und kreisten durch unermeßliche Tage.
Wir hockten gedrängt im Nest,
wenn die funkelnde Nacht heraufkam,
und schwereloser war nichts
als Flaum an Flaum unser Leben.

Als heute der scharfe Bergwind
uns Arm in Arm vor sich hertrieb,
erkannt’ ich dich wieder am schnelleren Herzschlag.
Vom Munde gerissen war uns die Sprache, die lähmt,
und wir flogen noch einmal,
jäh in der Kehle den Laut
reiner, sinnloser Lust.

Die Liebe der Dichterin gehört nicht nur dem einen geliebten Menschen, sondern auch den Außenseitern und Leidenden. Eros und Agape schließen einander nicht aus. Ebenso wendet sich diese Liebe der Natur zu. Sie schärft die Augen für das, was tief unter der Erde verborgen ist und für das, was zu klein ist, als dass man es unmittelbar wahrnähme; was vielleicht auf den Hinterhöfen oder im Geäst eines Baums versteckt ist und woran man meist ohne einen Blick vorbeigeht. Der Leser nimmt die mütterliche Umarmung wahr, mit der die Dichterin die Erde umfasst, die Toten, das Gras, die Vögel, die Menschen, einen alten Baum oder ein zerfetztes Nest. So verbunden fühlt sich Christine Busta der Erde, so daheim unter den Menschen und ihrer Hinfälligkeit, dass sie in dem Gedicht Den Gassenrufern der Kindheit (in Unterwegs zu älteren Feuern, S. 33) Gott bittet, er möge sie keinem der neun Chöre der Engel zugesellen, sondern dem zehnten, dem ruhmlosen Chor der Marktweiber und Bettler.

Abschließend möchte ich nochmals auf das anfangs genannte Missverständnis zurückkommen. Ich verstehe Christine Busta als Dichterin der Verklärung. Das in Misskredit geratene Wort „Verklärung“ gilt es zu verstehen, um jenen Vorurteilen entgegenzutreten, die Busta als „Dichterin einer heilen Welt“ abstempeln. Mir scheint, dass sie das Heilige im Unheilen, im scheinbar Verworfenen zeigt. Die biblische Grundlage dafür bildet die Geschichte der Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor: Dort bricht das Licht durch seine menschliche Gestalt, das Licht des Göttlichen, Heiligen, für das wir meist blind sind und das doch immer gegenwärtig ist.

Es ist kein Wunder, dass man in einer Zeit, in der das Wort „Verklärung“ nur noch auf die Verfälschung sachlicher Tatsachen verweist, misstrauisch wird, wenn eine Dichterin das Heilige im Heillosen aufspürt. Natürlich ist das Licht der Verklärung nur mit den Augen des Herzens wahrnehmbar und die bloße Ratio, gegen deren einseitige Vorherrschaft Busta sich zeitlebens gewehrt hat, ist blind dafür.

Ein meist C. S. Lewis zugeschriebenes Zitat stellt treffend fest, dass nur ein Gefängniswärter etwas gegen den Gedanken der Flucht aus einem unerträglichen Zustand haben könne. Ein von Marx beeinflusstes Denken stellt den Widerstand von Fantasie, Anbetung und Liebe als bloßen Eskapismus („Opium“) dar und verkennt, dass gerade daraus auch der Widerstand der Tat erwächst. Aber völlig unabhängig von utilitaristischen Zwecksetzungen war es kein Geringerer als Ernst Jünger, der die Verklärung im Gedicht als eines der höchsten Ziele des menschlichen Schaffens betrachtete. So heißt es in Der Waldgang (Frankfurt a. M., 5. Aufl., 1962, S. 139): „Selbst das Gemeine muß sich immer wieder an dieser Kraft beleben, auch wenn es in die Gewalttat stürzt. Aber die Leiden vergehen und verklären sich im Gedicht.“ Oder um es mit Christine Bustas eigenen Worten (aus Wenn du das Wappen der Liebe malst, S. 120) zu sagen: „[D]er Gesang behält recht.“

 

 

Die benutzten und zitierten Gedichtbände (alle im Verlag Otto Müller erschienen, sortiert nach dem Datum der Erstausgabe):

Der Regenbaum. 1951. 2. Auflage, Salzburg 1995.
Lampe und Delphin. 1955. 3. Auflage, Salzburg 1966.
Die Scheune der Vögel. 1958. 3. Auflage, Salzburg 1995.
Unterwegs zu älteren Feuern. 1965. 3. Auflage, Salzburg 1995.
Salzgärten. 1975. 2. Auflage, Salzburg 1978.
Wenn du das Wappen der Liebe malst. Salzburg 1981.
Inmitten aller Vergänglichkeit. 1985. 2. Auflage, Salzburg 1998.
Der Himmel im Kastanienbaum. Gesammelt u. hrsg. v. Franz Peter Künzel. Salzburg 1989.
Der Atem des Wortes. Aus dem Nachlass hrsg. v. Anton Gruber. 2. Auflage, Salzburg 1995.

1 Comment

  1. Meine Generation hat Christine Busta noch in der Schule gelesen, damals, als „Verklärung“ und „Liebe“ noch als Leitsterne für die Schiffbrüchigen galten. Wunderbar – dass Daniel Zöllner an diese Dichterin erinnert!

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